Die Welt: ein "schwarzer Kasten" - wie die Physiker ein komplexes, aber bis auf weiteres undurchschaubares aktives System nennen, in das man etwas Bekanntes, genau Definiertes hineingibt, aus dem aber etwas ganz anderes und zunächst Unbekanntes herauskommt. Die Aufgabe heißt: nachzuweisen und zu verstehen, was drinnen unter welchen Bedingungen den Input in einen Output verändert.

Die Welt auf der Bühne: ein schwarzer Kasten, hinter dessen Wänden das Leben sich ab-spielt, unsichtbar das meiste, nur ab und an dürfen wir für eine Weile hineinblicken, um mit- oder nachzuempfinden, was sich da drinnen ereignet. Die dramatis personae bringen zu Anfang farbige Charaktere ein, Ideale und Utopien, kleine individuelle Wünsche und große allgemeine Träume - aber am Ende steht doch ein ganz anderes Ergebnis als das geplante oder geahnte.

Die Menschen in Alban Bergs Oper "Wozzeck": allesamt solche "schwarzen Kästen". Wir kennen ihre äußeren Bedingungen, die Normalität ihres Tages, ihre Wünsche, ihre Grenzen: ein Soldat - bereit zur Subordination, geduldig im Ertragen, ein "guter Mensch", der zum kargen Sold hinzuverdient, was möglich ist, und alles der Mutter seines unehelichen Kindes aushändigt diese junge Frau - die sich kärglich durchs Leben schlägt und kaum ein bißchen "Freiheit" mehr für sich verlangt, als wir alle uns zu genehmigen erlauben ein Wissenschaftler, der in seiner Profession aufgeht ei n Garnisons-Militär, der niemanden schindet oder schikaniert ein etwas übereitler muskelprotziger Halb-Star, dem seine Rolle im militärischen Repräsentations-Ritual in den Kopf gestiegen ist. Die einzelnen Input-Größen dieses Personals geben keinen Anlaß, Konflikte zu befürchten. Und dennoch ein letaler Output, eine Katastrophe. Hat das Schicksal schlecht gewürfelt? Oder war da nur ein Bauelement defekt, ein Potential verkehrt, ein Kontakt falsch in einem der schwarzen Kästen?

Stefan Mayer baute für die aus den Osterfestspielen übernommene Inszenierung des "Wozzeck" von Alban Berg vor die oft genug schon tödlich breite Bühne des Salzburger Großen Festspielhauses die Wand eines schwarzen Kastens und öffnet sie für jeweils eine Szene ein wenig, wie für Bild-Passepartouts, mal nur auf ein kleines Quadratchen, mal zu einem größeren Streifen, mal über die ganze Breite. Und indem er sie an unterschiedlichen Stellen öffnet, erlaubt er uns einen Blick sowohl in die gesellschaftliche Schichtung dieser Welt als auch einen Schluß auf die tatsächliche innere Verfaßtheit dieser Welt-Lagen, wie Peter Steins Regie sie uns interpretiert: auf die "da oben", die Großen ihrer Branche in scheinbar leuchtender Helle, mit ihrer forsch-elitären Souveränität, die freilich kaum mehr ist als inhumane Egozentrik, die doch nur mit Mühe ihre Angst und Unsicherheit verbirgt. Und auf jene "da unten" in ihrer kreatürlichen Geworfenheit die keine Chance haben und sie dennoch zu nutzen versuchen die "unselig" sind und es auch bleiben werden "in dieser und der anderen Welt" die nur getrost von sich singen mögen: "Wir arme Leut'".

Peter Stein entdeckt uns letztlich kaum neue und unbekannte Mechanismen in diesem Drama vom unerfüllten Lebensanspruch in dem schwarzen Kasten der "erbärmlichen Wirklichkeit". Vieles sieht sich sogar geschönt und in seinem pittoresken Habitus verharmlosend an. Aber dann sind doch auch immer wieder Bilder von enormer Schärfe zu sehen, die zangenhafte Bewegung von Doktor (Frode Olsen) und Hauptmann (Hubert Delamboye) etwa, wenn sie Wozzeck (Albert Dohmen) erkennen machen, daß und wie er "betrogen" wird - ohne daß sie selber als die Primär-Täter sich erkennten die mütterlich-innige Zärtlichkeit, mit der Marie (ein neuer Star am Salzburger Himmel: Angela Denoke) ihren Knaben umarmt, um ihn im nächsten Augenblick in blinder Heftigkeit von sich zu sto ßen die symbolische Kraft großflächigen Lichtes, vor allem des leuchtenden Rots, etwa des Mondes, der bleibend Wozzecks Untat verraten wird.

Ein von Claudio Abbado absolut verläßlich geleitetes Spiel vom Ende zweier Leben - aber die existentiellen Fragen bleiben: Waren es Leben? Und was hat geendet, wer hat sich geändert?

Auf Endspiele, auf Spiele vom Ende, aber ganz andere Spiele von ganz anderen Enden ist Zeitfluss dieses Jahr konzentriert, die vor acht Jahren als Protest-Reaktion gestartete, lange ziemlich scheel angesehene, aber inzwischen voll integrierte und eigene Maßstäbe setzende wie Richtungen weisende (freilich auch von Fehlschlägen nicht verschonte) Alternativ-Schiene der Salzburger Festspiele.