Herr Erhard Ament aus Böblingen schrieb: "Bitte haben Sie die Freundlichkeit, mir mitzuteilen, wann das Besäufnis in Ihrer Redaktion zu Ende ist und wieder eine lesbare ZEIT erscheint." Herr Wolfgang Suttner aus Netphen schrieb: "Nie ist mir die nur scheinbare Objektivität des photographischen Bildes bewußter geworden. Nicht nur Text und Bild verhalten sich erstaunlich korruptiv zueinander, ja auch der jeweilige Kontext zum Artikel wird fast glaubhaft. Erstaunlich gut gelungen: das Medium zu seiner eigenen Kritik eingesetzt. Eine gute Idee." Frau Brigitte Raschka aus Isernhagen schrieb: "Ich kann mich nicht entscheiden, ob bei mir das Lachen über den vorzüglichen Witz oder das Gruseln vor Manipulationsmöglichkeiten mit angeblich realistischen oder objektiven Photos überwiegt."

Undsoweiterundsoweiter. Nie gab es so viele Briefe, Telephonanrufe und andere Zurufe aller Arten von Lesern, Kollegen, Freunden, Feinden und selten eine solche Bandbreite zwischen hochkarätigen Invektiven und ebensolchem Beifall.

Immer hatten und haben Leserbriefe den Artikel eines bestimmten Ressorts zum Thema, gelegentlich auch die ganze (politische) Richtung (die dem Schreiber dann in der Regel nicht paßt). Aber dieses Mal, dieses eine Mal im April 1981, ging es, siehe Besäufnis, um das Ganze, um uns alle, die Zeitung von vorn bis hinten.

Was war geschehen? Drei Photos (eine weibliche Putzkolonne, ein alter Mann auf einer Bank, ein Arzt bei der Autopsie) waren in den vier damals vorhandenen Ressorts zu irgendeinem Artikel gestellt worden, wie's gerade kam, hatten aber jedesmal einen anderen, quasi zum Ressort passenden Bildtext. Das klang dann so. Unter der Aufnahme vom Mediziner am Seziertisch stand in der Politik: "Passen Tod und Politik zusammen? Teilnehmer einer internationalen Konferenz der Gerichtsmediziner gerieten letzte Woche im wahrscheinlich ersten ideologischen Streit über die Autopsie und Organaufbewahrung zu Verpflanzungs- und Studienzwecken aneinander ..." Im Ressort Wirtschaft war zu lesen: "Die moderne Leichenhalle: eine internationale Angelegenheit. Aus vierzehn verschiedenen Ländern stammt die Technologie ... mit deren Hilfe der Tod und seine Ausstattung bald an der Börse verzeichnet werden können." Aus den Tiefen des Feuilletons klang es so: "Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die religiöse Suche nach den existentiellen Werten der ausübenden Mediziner zerstört eine Arztkarriere in dieser Szene eines Klassikers aus der Horrorfilmsparte der zwanziger Jahre ..." Schließlich der Sound des Modernen Lebens: "Autopsie in einem Leichenhaus. ,In unserem Beruf erhalten wir eine ebenso qualifizierte Ausbildung wie die Chirurgen. Das ist ein wissenschaftliches Laboratorium. Unsere Arbeit trägt zum Verständnis des Todes bei, aber auch des Lebens.'"

Idee, Bildauswahl und Texte für diese unsere Sondernummer waren von Allan Kaprow, dem amerikanischen Künstler, der mit dem Terminus "Happening" in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Die Einflugschneise für diese Aktion zur Verwirrung, Erheiterung, Verärgerung und schlußendlichen Aufklärung der Leser lag natürlich im Feuilleton, wo sonst. Wir erzählen diese Geschichte für uns und für alle, die damals nicht dabei waren, natürlich vor allem, um uns zu berühmen und weil es das wohl spektakulärste und gewiß schönste ZEIT-Ereignis war. Ever.

Wir erzählen sie aber auch, weil sie ein exzellentes Beispiel ist für das Genre Happening, von dem die meisten eine eher nebulöse Vorstellung haben, zu Recht, denn definieren läßt sich da wenig. Nicht zu Recht aber wird das Wort oft dann gern verwendet, wenn von irgendeinem Chaos oder Kuddelmuddel, einem Kuriosum oder Affront mit Kunstvorbehalt die Rede ist. Inneres Kopfschütteln inklusive. Was soll das??!! In Kaprows eigener Formulierung liegt der Sinn des Happenings darin, "Gewohnheiten durch die Lust an der Entdeckung und dem Experiment zu ersetzen." Der Leser, der sich durch Kaprows Verwirrspiel "verkackeiert" fühlte (Peter Scheiner, Biberachzell), hatte recht im Zusammenhang seiner gewohnten Erwartung. Aber weil er dabei blieb, nicht bereit war, etwas zu entdecken, konnte er auch nichts gewinnen, nicht durch den Spaß an der Turbulenz hindurch zur Einsicht gelangen, daß er wahrscheinlich sehr oft "verkackeiert" wird - aber ohne es zu merken und zu seinem höchstpersönlichen Nachteil.

Allan Kaprow, der am 20. August 1927 in Atlantic City, New Jersey, geboren wurde, studierte bei Hans Hofmann Malerei, hörte Kunstgeschichte bei Meyer Schapiro, Philosophie bei Albert Hofstadter und schrieb 1952 eine Dissertation über Mondrian. Als Künstler begann er mit abstrakt-expressionistischen Bildern, erkannte dann aber, wie er 1958 in einem späten, bewegenden Nachruf auf Jackson Pollock schrieb, daß durch Pollocks raumgreifende Malerei der Spielraum der Kunst ein anderer geworden war. "Pollock ... hat uns an dem Punkt verlassen, wo wir uns öffnen müssen, zur Not auch verwirren lassen müssen, vom Raum und den Gegenständen des täglichen Lebens, seien es nun unsere Körper, Kleider, Zimmer oder auch die Weite der 42. Straße. Da die Farbe allein für die Artikulation aller unserer Sinne nicht mehr genügen kann, werden wir die spezifischen Eigenarten des Blicks, des Klangs, der Bewegungen, der Leute, der Gerüche, der Berührung nutzen."