KIEL .- Die vornehmste Eigenschaft der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt besteht darin, von ziemlich viel Wasser umgeben zu sein. An den weitläufigen Stränden des Kieler Umlands braten Touristen und Einheimische in der Sommerhitze weiße Segel blinken im Sonnenschein, dazwischen ziehen große und kleine Fährschiffe majestätisch ihre Bahn.

Unglücklicherweise verbindet das Wasser die Kieler nicht bloß, etwa in ihrer Liebe zum Wassersport, nein, es trennt sie auch: Die nördlichen Stadtteile schneidet der Nord-Ostsee-Kanal ab, im Osten hält das Flüßchen Schwentine auseinander, was doch eigentlich zusammengehörte. Vollends zur geteilten Stadt wird Kiel durch die Förde, eine spitz zulaufende Verlängerung der Kieler Bucht, die in einen innerstädtischen Wurmfortsatz mit dem Namen Hörn mündet.

Die Folgen der Teilung haben das Westufer und das Ostufer über Jahre geprägt hüben, im Westen, saßen die Bonzen, drüben, im Osten, die Arbeiter. Ein kleiner Grenzverkehr von schmucken Hafendampfern machte zwar gelegentliche Besuche auf der anderen Seite möglich, konnte das kulturelle Auseinanderdriften jedoch nicht aufhalten. Zwar gab es noch die unbefriedigende Möglichkeit, die sogenannte Hörn mit dem Bus oder dem Auto zu umrunden, doch diese soll hier mit der Verachtung gestraft werden, die ihr gebührt.

Kiels ambitionierter Stadtbaurat - in der Bevölkerung vor allem bekannt und geschätzt für seine originellen Einfälle zur Verkehrsruhigstellung - gedachte, diesem unwürdigen Zustand ein Ende zu machen: Künftig sollte eine "Dreifeld-Zug-Klappbrücke" die Fußgänger aus Ost und West zusammenbringen.

Und weil der Stadtbaurat ein Mann mit Visionen ist, wurde die Brücke nicht als schnöder Klappsteg, sondern als Weltneuheit entworfen, von einem "Papst der Brückenbauer", dem Stuttgarter Ingenieur-Professor Jörg Schlaich.

Geschätzte Kosten: rund zehn Millionen Mark.

Manchem Kieler erschien das angesichts verrottender Schuldächer und ungebauter Turnhallen viel Geld und einige notorische Nörgler warnten vor technischen Schwierigkeiten mit dem kompliziert anmutenden Mechanismus, der schließlich jedesmal funktionieren müsse, wenn ein Schiff seinem Liegeplatz zustrebe. Doch schließlich siegte Gestaltungswille über Kleinmut: Die Brücke ging in Arbeit. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Denn leider verrechnete sich das Büro des Brückenpapstes um zwanzig Prozent beim Gewicht des faltbaren Überwegs - die Brücke, wie die Lokalpresse höhnisch anmerkte, klappte nicht.