Die Fiesta von Gröditz

Wie ein Möbelunternehmer den Sachsen zu einem "Spanischen Hof" verhalf

Hat Gröditz jemals solch ein rauschendes Fest gefeiert? Anlässe gibt es schon lange nicht mehr. Die Zellstoffabrik hat man bald nach der Wende dichtgemacht, in den Stahlwerken arbeiten nur noch 600 von den ursprünglich fast 6000 Leuten. Ein Röderfest hat noch keiner erfunden, das gibt das Rinnsal der Röder auch nicht her. Trotzdem, am ersten August-Wochenende stieg in Gröditz eine Fiesta, wie man sie zwischen Riesa und Elsterwerda noch nie erlebt hatte: mit Folklore, Flamenco, Paella und Riesenfeuerwerk. Und mit Siegfried Richter.

Richter ist ein Sohn des Städtchens im Nordwesten von Dresden, und er hat ihm ein Hotel geschenkt. Nicht irgendeines, sondern den "Spanischen Hof". Das ist in der sächsischen Provinz nicht einfach ein Ereignis, sondern ein Paukenschlag. Da steht mitten in einem Provinznest, gerahmt von öden Fabrikhallen und einem gesichtslosen Einkaufszentrum, eine Luxusherberge wie aus einer anderen Welt. Eben wie aus Spanien, genauer: aus Teneriffa. Da wohnt nämlich der Bauherr, und wenn der sich etwas in den Kopf setzt, dann hält ihn nichts mehr auf.

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Also der "Spanische Hof". Hinter einer ockergelben maurisch-kanarischen Fassade mit zwei kupfergedeckten Kuppeltürmen wurden 47 Zimmer eingerichtet.

Aber wie! Im "komplett spanischen Ambiente" präsentiert sich das Haus. Von der kanarischen Holzverkleidung über die original andalusischen Lampen bis zu den handgemalten Kacheln aus Sevilla - nicht zu vergessen der Alhambra-Springbrunnen in der Eingangshalle und das ins Teneriffa-Kostüm gesteckte Personal. Natürlich kommt auch die Gastronomie spanisch daher. Die Bierstube heißt Bodega, neben sächsischem Gerstensaft gibt es auch spanisch-mexikanisches Bier. Im Restaurant "El Dorado" ist wohl der tintige Rioja passender, aber da halten sich die Gröditzer noch zurück.

Auch anderes dürfte ihnen exotisch vorkommen. Das Tageslicht-Vitalisarium etwa, das nach der Intention des Hausherrn "vor allem den Rödertalern etwas Erholung und Entspannung bringen soll". Da könnten sie sich zum Beispiel im Dampfbad oder unter der Erlebnisdusche tummeln - sofern sie nicht einen Besuch in der Aromagrotte vorziehen. Und wenn die Rödertaler Glück haben, dann wartet auf der Terrasse ein Hacienda-Barbecue auf sie, direkt neben dem großen Wasserrad. "Bewegung, Wasser, Action", schwärmt Bauherr Richter.

Stillstand kennt er trotz seiner bald 75 Jahre nicht: "Ich bin ein Power-Mensch", sagt er, als sei das seine Lebensbilanz. Aber auch dieser Satz stammt von ihm: "Ich sehe es als Gnade des Allmächtigen an, achtzig Meter neben meinem Geburtshaus so ein außergewöhnliches Hotel für Gröditz bauen zu können." Fromme Sprüche? Er sei sehr religiös, versichert der Mann mit dem vertrauenerweckenden weißen Bart und erzählt lachend, daß er schon vor ewigen Zeiten aus der Kirche ausgetreten ist, weil der Pastor seinen Sohn nicht konfirmieren wollte.

Richter ist ein fabelhafter Verkäufer, und sich selbst verkauft er am besten.

Sein größtes Talent: Überzeugungskraft. Die hat er zur Genüge bewiesen.

Nachzulesen ist das alles in einem Buch, denn natürlich schreibt ein Mann wie Richter seine Memoiren (und stiftet den Reinerlös des Werkes seiner Geburtsstadt). Eine durchweg spannende, streckenweise anrührende Lektüre, die davon erzählt, wie der sächsische Polsterer Siegfried Richter 1948 nach der Zwangsverpachtung des elterlichen Betriebes mit Handwerkszeug, Rucksack und 300 Mark in der Tasche an den Rhein zieht, um Unternehmer zu werden.

Siegfried Richter Polstermöbel heißt seine Firma, ihr Erfolgsslogan "Direkt vom Hersteller". Die Preise sind unschlagbar. Auf die ersten Couches folgt das Gelenka-Klappbett, später die Kippcouch Ruckzuck. Ruck, zuck geht es auch mit dem Unternehmen nach oben, massive Werbung ist eines der Geheimnisse des Erfolgs. Und die Reklamesprüche gehen so: "Gemütlichkeit vom Rhein - Polster Richter Geisenheim".

In seiner Selbstdarstellung ist Richter der stets lernbegierige Handwerker, der grundsolide Partner ("Zu Winkelzügen war ich nie fähig"), der Unternehmer aus Leidenschaft ("Gibt es etwas Schöneres im Leben, als beruflich selbständig zu sein?"), der Mann mit dem guten Riecher, der ewige Optimist ("Miesepeter mochte ich nie leiden"), der Verführungskünstler ("in jeder Beziehung"). Mehrmals schrammt er knapp an der Pleite vorbei, jedesmal schafft er es wieder.

Ein einfacher Patron ist er mit Sicherheit nicht. Er versucht, sich zurückzuziehen, kann aber nicht loslassen. Er haßt Gewerkschaften (genau wie Krawatten), redet seinen Führungskräften rein, heuert und feuert. Aber er zahlt auch weit über Tarif, bietet seiner Belegschaft Urlaubsgeld und Betriebsrente, als davon in den Tarifverträgen noch nichts steht. Als Richter 1987 die Führung seines Unternehmens endgültig abgibt, hat es 66 Filialen und 600 Mitarbeiter.

Da hat der Unternehmer im goldenen Exil von Teneriffa bereits sein Gröditzer Urerlebnis hinter sich. Sein Geburtsort ist grau, verödet, zum Heulen.

Richter über seinen ersten Nachwendebesuch: "In meinem Heimatort mußte ich nun aufpassen, daß ich von der niedergeschlagenen Stimmung nicht angesteckt wurde." Aber natürlich kommt es nicht soweit. Richter renoviert sein Elternhaus, die alte Schule, stiftet ein Kriegerdenkmal, steckt jedem Unternehmensgründer 10 000 Mark zu.

Aber der alte Marketingstratege weiß auch: Das Grau mußte raus aus der Stadt, wenn sie Investoren anlocken soll. Kurzerhand startet er 1992 den Wettbewerb "Gröditz soll schöner werden". Sein Einsatz: 100 000 Mark. 426 Privathäuser gibt es im Ort, 426 Briefumschläge mit Wettbewerbsbedingungen und Teilnahmeformular werden verteilt. Ab vierzig Teilnehmern will der Initiator von Erfolg sprechen, nach vier Tagen sind es schon über hundert.

Gröditz wurde schöner, aber lebte nicht. Richter: "Größere Investoren kamen nicht, weil es in Gröditz kein Hotel gab. Meine Bemühungen, die großen Ketten zu mobilisieren, scheiterten an dem schlechten Standort. Um meine Investorensuche nicht zu gefährden, mußte ich selbst ein Hotel bauen." Aber natürlich nicht irgendeines, sondern etwas Besseres, den "Spanischen Hof".

Dort heißt jetzt die Devise: "Vier-Sterne-Qualität zu Zwei-Sterne-Preisen".

Ein Einzelzimmer kostet 88 Mark, das Doppelzimmer 128, und das ist für ein "architektonisches Meisterwerk, das zu den deutschlandweit aufsehenerregendsten Hotelprojekten gehört" (Pressetext), ein mehr als anständiger Preis. Wie das funktionieren soll? Ganz einfach, der Bauherr hat zehn Millionen Mark aus seiner Privatschatulle beigesteuert, das Objekt ist schuldenfrei, muß keine Rendite abwerfen und nur die laufenden Kosten erwirtschaften. Der "gute Mensch von Gröditz" (Sächsische Zeitung) hat auch schon verfügt, daß bei seinem Tod das Hotel in das Eigentum der Gemeinde übergeht.

Noch Zweifel? Etwa beim Blick auf die vielen neuen Hotels im deutschen Osten, vor allem der gehobenen Klasse, von denen viele bereits mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen? "Alles eine Frage der Vermarktung", wird der Zweifler belehrt. Tagungsgäste und Wochenendtouristen gebe es genug in den Ballungsräumen Berlin, Dresden, Leipzig und Cottbus. Zudem wolle man das Hotel "auch als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Gröditz etablieren".

Natürlich ist Richter längst Ehrenbürger von Gröditz. "Ich habe diese Stadt umfunktioniert", sagt er selbstbewußt. Und daß ihn sogar die Bild-Zeitung als "Engel von Gröditz" feierte, zählt vermutlich mehr als das unwillige Geraune, da setze sich einer ein Denkmal. Ob ihn irgendwelche Zweifel plagen?

Höchstens der: "Vielleicht sagen ein paar Leute im Ort: Das ist ein Verrückter."

 
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