Die Fiesta von GröditzSeite 3/3
Aber der alte Marketingstratege weiß auch: Das Grau mußte raus aus der Stadt, wenn sie Investoren anlocken soll. Kurzerhand startet er 1992 den Wettbewerb "Gröditz soll schöner werden". Sein Einsatz: 100 000 Mark. 426 Privathäuser gibt es im Ort, 426 Briefumschläge mit Wettbewerbsbedingungen und Teilnahmeformular werden verteilt. Ab vierzig Teilnehmern will der Initiator von Erfolg sprechen, nach vier Tagen sind es schon über hundert.
Gröditz wurde schöner, aber lebte nicht. Richter: "Größere Investoren kamen nicht, weil es in Gröditz kein Hotel gab. Meine Bemühungen, die großen Ketten zu mobilisieren, scheiterten an dem schlechten Standort. Um meine Investorensuche nicht zu gefährden, mußte ich selbst ein Hotel bauen." Aber natürlich nicht irgendeines, sondern etwas Besseres, den "Spanischen Hof".
Dort heißt jetzt die Devise: "Vier-Sterne-Qualität zu Zwei-Sterne-Preisen".
Ein Einzelzimmer kostet 88 Mark, das Doppelzimmer 128, und das ist für ein "architektonisches Meisterwerk, das zu den deutschlandweit aufsehenerregendsten Hotelprojekten gehört" (Pressetext), ein mehr als anständiger Preis. Wie das funktionieren soll? Ganz einfach, der Bauherr hat zehn Millionen Mark aus seiner Privatschatulle beigesteuert, das Objekt ist schuldenfrei, muß keine Rendite abwerfen und nur die laufenden Kosten erwirtschaften. Der "gute Mensch von Gröditz" (Sächsische Zeitung) hat auch schon verfügt, daß bei seinem Tod das Hotel in das Eigentum der Gemeinde übergeht.
Noch Zweifel? Etwa beim Blick auf die vielen neuen Hotels im deutschen Osten, vor allem der gehobenen Klasse, von denen viele bereits mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen? "Alles eine Frage der Vermarktung", wird der Zweifler belehrt. Tagungsgäste und Wochenendtouristen gebe es genug in den Ballungsräumen Berlin, Dresden, Leipzig und Cottbus. Zudem wolle man das Hotel "auch als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Gröditz etablieren".
Natürlich ist Richter längst Ehrenbürger von Gröditz. "Ich habe diese Stadt umfunktioniert", sagt er selbstbewußt. Und daß ihn sogar die Bild-Zeitung als "Engel von Gröditz" feierte, zählt vermutlich mehr als das unwillige Geraune, da setze sich einer ein Denkmal. Ob ihn irgendwelche Zweifel plagen?
Höchstens der: "Vielleicht sagen ein paar Leute im Ort: Das ist ein Verrückter."
- Datum 22.08.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 35/1997
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