Stell dir vor, du bist sechs Jahre alt, lebst in einer Millionenstadt, wartest nach Schulschluß auf deine Mutter, und sie holt dich nicht ab. Mina, das Mädchen, das nicht abgeholt wird, tritt den Heimweg allein an. Aber sie erwischt den falschen Bus und verirrt sich: ein kleines Mädchen im Verkehrschaos von Teheran, eine verlorene Gestalt, die stört, die man wegschubst und vergißt.

Stell dir vor, du bist sieben Jahre alt und spielst dieses Mädchen vor einer Kamera. Nach der Hälfte der Dreharbeiten mag Mina Mohammad Khani nicht mehr.

Wenn ihre Freundinnen sie im Kino sehen, erklärt sie der Produktionsassistentin, denken die am Ende, sie sei noch nicht in der zweiten Klasse und außerdem eine Heulsuse. Also fällt Mina aus der Rolle, verläßt das Team, spielt nicht mehr mit und macht sich tatsächlich allein auf den Heimweg. Wie vorher folgt ihr die Kamera, nun allerdings selbst vom Großstadtchaos behindert. "Ayneh" von Jafar Panahi aus dem Iran gewann am vergangenen Samstag den Goldenen Leoparden der 50. Filmfestspiele von Locarno.

Locarno-Filme sind wie Mina: Sie fallen aus der Rolle. Wenn es denn eine Tradition gibt am Lago Maggiore, dann die von Regisseuren, die sich um Traditionen nicht scheren, von ästhetischen Suchbewegungen, peripheren Schauplätzen und eigenwilligen Helden. Weil Festivalchef Marco Müller nach eigener Auskunft Geburtstage nicht mag, feierte man auch diesmal weniger das hauseigene Jubiläum als vielmehr den internationalen Regienachwuchs.

Dessen Protagonisten sitzen zwischen den Stühlen, verstört, fröstelnd, mit müden Gesichtern. Während die Temperatur in den Locarneser Kinos Richtung Tropen tendierte, froren die Leinwandhelden, fast ausnahmslos Flüchtlinge, Wanderer zwischen den Welten oder, wie Mina, Fremde im eigenen Land. Sei es der Familienclinch zwischen fünf Schwestern (in "Broos" von Mijke de Jong), sei es das selbstironisch vorgetragene Beziehungschaos in Harry Sinclairs neuseeländischem Erstling "Topless Women Talk About Their Lives", seien es die No-future-Kids in Fruit Chans "Made in Hongkong": Die Nachachtundsechziger wissen nicht, was sie tun, zögern und zagen - eine verwirrte Generation.

Die Jury, der neben anderen Marco Belloccio, Claire Denis und Zhang Yimou angehörten, vergab ihre Preise ausschließlich nach politischen Kriterien. Die Film-im-Film-Technik von "Ayneh" kann sich aus dem Schatten der Meisterwerke von Abbas Kiarostami nicht lösen. Silberne Leoparden gingen an "Fools" von Ramadan Suleman, einen brisanten, aber erzählerisch hilflosen Einblick in die internen Konflikte der schwarzen Townships während der Apartheid, und an "Der verrückte Fremde" von Tony Gatlif: ein vitales, aber krudes Imitat von Kusturicas "Zeit der Zigeuner".

Dabei hätte "Winterschläfer", der Titel des deutschen Wettbewerbsbeitrags von Tom Tykwer, dem Festival als Motto gut angestanden. Der Schauplatz: ein Bergdorf irgendwo in den Alpen. Dort haben sich vier Leute um die dreißig in einem verwunschenen Haus eingenistet, Laura (Marie-Lou Sellem), Rebecca (Floriane Daniel), René (Ulrich Matthes) und Marco (Heino Ferch).