SCHONDORF AM AMMERSEE. - Wie Windräder drehen sich die zwei großen Bronzescheiben im Sonnenlicht. Von weitem erinnert diese Metallkonstruktion in der kleinen Gemeinde an zwei überdimensional große Münzen. Haben sich die Bayern hier schon ihren eigenen Entwurf für den Euro aufgestellt?

Bei näherem Herantreten gibt die Prägung dann den wahren Zweck des Objektes kund: TADEUSZ ZIELINSKI, GROSSER KENNER DER WELT DER ANTIKE, GESTORBEN IN SCHONDORF ist dort in deutscher und polnischer Sprache zu lesen. Kein futuristisches Objekt, ein Denkmal also, das einem besonderen "CIVIS POLONIAE ET EUROPAE" gewidmet ist. Dieses Denkmal, Frucht einer langen Zusammenarbeit der Kulturbeauftragten des polnischen Konsulats in München, Jolanta Koszlowska, und des Gemeinderats von Schondorf wurde vor einiger Zeit im Beisein von 300 Gästen und dem polnischen Fernsehen feierlich enthüllt.

Vorausgegangen war ein Symposium zur Person und Bedeutung Zielinskis, welches unter anderem auch von Mitgliedern der polnischen und der deutschen Akademie der Wissenschaften geleitet wurde. Alle waren sich einig, daß dem fast vergessenen Polen Ehre für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Altphilologie und der Altertumsgeschichte gebührte: über 900 monographische Schriften, elf Ehrendoktorwürden, Mitglied von mehr als zwanzig wissenschaftlichen Akademien weltweit und Träger der Goethemedaille und und und.

Geboren wurde Zielinski 1859 in Kiew, zur Schule ging er in St. Petersburg.

In Leipzig, München, Wien und Dorpat studierte er Altphilologie und bekam 1914 eine Professur in St. Petersburg. 1921 wechselte er an die Universität Warschau auf den Lehrstuhl für klassische Philologie. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 machte Zielinski zum Flüchtling. Als nach einem Bombenangriff auf Warschau seine Wohnung ausbrannte, kam er nur knapp mit dem Leben davon. Es verschlug ihn nach Schondorf ins feindliche Deutschland, wo sein Sohn Lehrer am Landschulheim war. Die Nazis untersagten dem alten Herrn, bei seinen Kindern zu leben. So fand er für die letzten Jahre seines Lebens eine kleine Bleibe im Dorf, unweit der Stelle, wo das Denkmal heute steht.

Bevor Zielinski 1944 in aller Einsamkeit starb, hat er noch die letzten zwei Bände seines Werkes "Die Antike Religionsgeschichte" vollendet. "Wer mich hier bei der Arbeit sehen würde, an dem winzigen Tischchen, das mir als Schreibtisch dient, an meiner geliebten, auf irgendeine wunderbare Weise aus dem Warschauer Brand geretteten, polnischen Schreibmaschine, die ich fast auf meinen Knien hierher in meinen Zufluchtsort gebracht hatte, der würde mir sein Mitleid sicher nicht versagen."

Zielinski gilt als einer der größten Altphilologen dieses Jahrhunderts. Doch nur noch wenige seiner Werke sind in Fachbibliotheken zu finden. Außerhalb von Expertenkreisen und Universitäten geriet sein Name sehr bald in Vergessenheit, da nur einige seiner Schriften neu verlegt und auch viele nur in russischer oder polnischer Sprache veröffentlicht wurden. Dabei wurde früher ein Teil seiner Bücher auch von Laien gelesen. "Die Märchenhafte Welt der Antike" war während des Krieges in vielen russischen Soldatentornistern zu finden, und sein Buch "Die Antike und wir" wurde in siebzehn Sprachen übersetzt.