GOTHA. - Das Stadtbild wird ganz und gar von dem monumentalen frühbarocken Schloß Friedenstein dominiert. Im Hof des Schlosses erinnert eine Tafel an den Oberstleutnant von Gadolla, den Retter der Stadt im Jahre 1945.

Wer war dieser Mann? Josef Ritter von Gadolla, geboren am 14. Januar 1897 in Graz, entstammte einer alten italienischen Adelsfamilie. Sein Vater diente als Rittmeister im österreichischen Heer, und der junge Gadolla zog bereits mit elf Jahren als Kadett die Uniform an. Während des Erstens Weltkriegs wurde er an der italienischen Front schwer verwundet. Ein Bein blieb steif, und so tat der Offizier fortan als Flughafenkommandant von Graz Dienst. 1938, nach dem "Anschluß" Österreichs, wurde Gadolla in die deutsche Wehrmacht übernommen und als Sachbearbeiter an das Wehrbezirkskommando Marktredwitz in Bayern versetzt. 1943 wurde er Leiter der Wehrmeldestelle in Gotha.

Viele der österreichischen Offiziere, die nun in der Wehrmacht dienten, hatten unter den "Preußen" einen schweren Stand. So galt auch Gadolla manchen seiner Vorgesetzten als "zu weich". Bei seinen Untergebenen in der Wehrmeldestelle hingegen war der Oberstleutnant wegen seiner freundlichen "österreichischen" Umgangsart sehr beliebt. In der Bewährungssituation Anfang April 1945 sollte sich dann erweisen, daß Gadolla auch ein sehr mutiger Mann war.

Am 1. Februar 1945 war Gadolla als Standortältester zum "Kampfkommandanten" des angeblichen "festen Platzes" Gotha ernannt worden. Er hatte den Befehl erhalten, die Stadt "bis zum Tode" zu verteidigen. Ende März wurden die Truppenteile der Wehrmacht, die sich in Gotha befanden, durch Verbände der Waffen-SS und des "Volkssturms" verstärkt, und es wurden rings um die Stadt Abwehrstellungen ausgehoben.

Am 3. April heulten dann in ganz Gotha die Sirenen von 10.10 Uhr an "Feindalarm": Die amerikanische 4. Panzerdivision war vor der Stadt aufmarschiert. Ein Versuch, die Stadt gegen diese Übermacht zu verteidigen, hätte unweigerlich den Bürgern und den Tausenden von Flüchtlingen, die sich in Gotha befanden, schwere Opfer auferlegt und zur Zerstörung unersetzlicher Kulturgüter geführt. Gadolla war entschlossen, eine solche Wahnsinnstat zu verhindern. Unter seiner Leitung beschloß der Verteidigungsrat der Stadt (ohne Wissen des Kreisleiters der NSDAP und des Polizeigenerals Hennicke), Gotha den Amerikanern zu übergeben. Gadolla ließ die Wehrmachtseinheiten aus der Stadt abrücken und auf einigen öffentlichen Gebäuden weiße Fahnen hissen.

Gegen 16.00 Uhr brach der Oberstleutnant auf, um mit den Amerikanern die Übergabe zu vereinbaren. Er wurde von SS-Leuten abgefangen, konnte sich aber herausreden. Zwischen 19.00 und 20.00 Uhr machte er sich ein zweites Mal auf den Weg. Fanatisierte (und alkoholisierte) Angehörige einer deutschen Flak-Einheit zerrten ihn aus dem Auto und rissen ihm die Schulterstücke von der Uniform. Der Offizier wurde nach Weimar gebracht und am folgenden Tag von einem Standgericht zum Tode verurteilt. Am Morgen des 5. April, einen Monat vor Kriegsende, wurde er erschossen.

Pfarrvikar Leo Schramm hatte dem Offizier die Sterbesakramente gereicht. Er berichtete später: "... ich traf einen gläubigen katholischen Menschen an, der aus echter Gewissensentscheidung die Stadt Gotha an die heranrückenden Amerikaner hatte übergeben wollen, um sie so vor der Zerstörung und die Menschen vor unsinnigem Sterben zu bewahren." Als letzte Worte Gadollas hat der Geistliche überliefert: "Damit Gotha leben kann, muß ich sterben."