Am Montag abend hinterlegte Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau sein Testament und einen Abschiedsbrief. Dann ging er hinaus. Um Mitternacht begann die Polizei, mit Hunden, Reitern und Hubschraubern nach dem weltberühmten Weingrafen zu suchen sie fand den 58jährigen am nächsten Morgen, erschossen, an einem Wegkreuz liegend.

Diesen Montag hatte seine Hausbank, die Nassauische Sparkasse, beim Amtsgericht Rüdesheim den Konkurs seines Weinguts Schloß Vollrads (Rheingau) beantragt. Die Bank ist mit ungefähr zwanzig Millionen Mark Hauptgläubigerin.

Jahrelang, vielleicht zu lang, hatten die Bankiers gewartet, immer neue Investoren gesucht. Doch der Graf zeigte sich stolz: Mal forderte er zuviel, mal weigerte er sich, nur noch die Staffage eines fremden Unternehmens abzugeben. Schon einmal hatten, als ein japanischer Investor absprang, Freunde den Suizid befürchtet.

Die Ehre war ihm alles. Winzer in der 27. Generation, ein kultivierter Herr, weltgewandt und weltweit unterwegs, um für den deutschen Riesling zu werben.

Zu Hause nicht minder: In einer Zeit, da des Deutschen Lieblingswein "Songßerr" hieß, demonstrierte der Graf auf Banketten, daß deutscher Riesling neben burgundischem Chardonnay zur Elite des Weins gehören kann.

Kann. Leider stellten ausgerechnet die gräflichen Weine dies nicht ausnahmslos unter Beweis. Denn das Weingut steckte in der Krise, und um aus ihr herauszukommen, wurde manchmal auch mediokre Ware abgefüllt. Auf zu vielen Flächen des Weingutes, auch auf solchen, die keinen Spitzenwein tragen, wurde Vollrads-Riesling gelesen. Wieder zeigte sich die verführerische und zerstörerische Wirkung des deutschen Weingesetzes: Es erlaubt, unbedeutende Gewächse als große Lagenweine zu vermarkten. Das hat dem Ansehen und dem Preisniveau des deutschen Weines geschadet, auch dem von Schloß Vollrads. Qualitative Besserung stellte sich dort erst kürzlich ein - zu spät. Und längst war eine junge Elite von Winzern an dem Adelshaus vorbeigezogen. Auch an anderen Aristokraten die klügsten unter ihren Verwaltern suchten sich finanzielle Bündnispartner im großbürgerlichen Lager.

Unterdessen verschlang der Unterhalt des denkmalgeschützten Schlosses Millionen, zumal der Graf sein Schmuckstück zu einem gastronomischen und künstlerischen Treffpunkt ausbaute, der effektvoll für den Rheingau warb, aber von den Erträgen eines Weinguts mit Jahresumsätzen bis zwölf Millionen Mark nun einmal nicht finanziert werden konnte.