Tag 27. Die symbolische Säule mit den Goldbarren auf der kobaltblauen Schautafel zeigt 650 Kilogramm an. Die Bergleute der Grube Libanon, die bei jedem Schichtwechsel an dieser Statistik vorbeigehen, können sich ausrechnen, was das bedeutet: Das Plansoll - es liegt bei 877 Kilogramm in 31 Tagen - ist nicht mehr zu schaffen. In ihrer Zeche, eingestuft in der Kategorie "marginal", enthält eine Tonne Erz im Durchschnitt nur 6,7 Gramm reines Gold.

Demnach müßten die 6000 Kumpel binnen vier Tagen 34 800 Tonnen aus den vier Schächten holen - ein Ding der Unmöglichkeit. "Wenn wir unter dem Soll bleiben, machen wir keinen Gewinn", sagt Schichtführer Koos Jooste so gelassen, als rechne er mit einem Wunder.

Und wenn die Mine auch in den kommenden Monaten in den roten Zahlen steckenbliebe? An die Konsequenzen mag Jooste gar nicht denken. Die können die Kumpel regelmäßig im Wirtschaftsteil der Zeitungen nachlesen. Bergwerk Randfontein feuert ein Drittel der Belegschaft, insgesamt 3600 Arbeiter die East Rand Property Mines kündigen 5000 Entlassungen an.

Das waren die Hiobsbotschaften allein im Juli. "Wenn das so weitergeht, droht der Verlust von 50 000 Arbeitsplätzen", fürchtet Roger Baxter. Er ist Chefökonom der Chamber of Mines, der Dienstleistungszentrale südafrikanischer Bergbaugesellschaften. Seine Zahlen geben wenig Anlaß zum Optimismus: 12 von 27 Minen schrieben Verluste. "Der niedrigste Goldpreis seit zwölf Jahren macht uns schwer zu schaffen." Die Goldindustrie war einst das Flaggschiff der südafrikanischen Wirtschaft. Heute wirkt sie wie ein alter Kutter, der mühsam durch schwere Gewässer pflügt. Vorbei die buchstäblich goldenen Zeiten, als Südafrika noch unangefochtener Spitzenreiter auf dem internationalen Goldmarkt war. 1970, im erfolgreichsten Jahr, wurden am Kap gut tausend Tonnen des Edelmetalls gefördert, 79 Prozent der Produktion in der westlichen Welt. 1996, im schlechtesten Jahr seit 1956, waren es nur noch 494,6 Tonnen, und der globale Anteil, Rußland eingerechnet, schrumpfte auf ein Fünftel.

Der Goldverkauf brachte zwar im gleichen Jahr immerhin noch 23 Milliarden Rand Devisen ein, das sind umgerechnet rund 8,5 Milliarden Mark. Auch beschäftigt die Branche 340 000 Menschen und bleibt nach der Landwirtschaft der größte Arbeitgeber am Kap. Doch allein im vergangenen Jahrzehnt kostete die schier unaufhaltsame Talfahrt rund 180 000 Bergleute ihren Job. Vom Lohn eines Kumpels leben in der Regel sieben bis zehn Angehörige. Auch in den Nachbarländern Lesotho, Swasiland und Mosambik stehen zahlreiche Großfamilien von Wanderarbeitern, die in Südafrikas Minen ihr Glück suchen, vor dem Nichts.

Schuld an der fatalen Entwicklung sind die screen jockeys der Wall Street, die Spekulanten an den elektronischen Bildschirmen. So sieht es jedenfalls Kelvin Williams. Der niedrige Goldpreis habe nichts mit der wirklichen Marktlage zu tun, erklärt der Marketingdirektor der Bergbaugruppe Anglogold, "denn die Nachfrage ist kontinuierlich gewachsen. 1996 lag sie bei 3290 Tonnen, angeboten wurden aber nur 2346 Tonnen. Das ergab eine Lücke von 944 Tonnen." Der Preiseinbruch, so Williams, sei auf pure Spekulation zurückzuführen, mithin auf die Hysterie, die von Journalisten und Finanzanalysten geschürt werde. "Der Preis fällt, wenn die Spekulanten erwarten, daß er fällt."

Ruchlose Spekulanten und ahnungslose Schmierfinken - wenn's nur so einfach wäre, wie es in den Chefetagen der Wolkenkratzer von Johannesburg bisweilen dargestellt wird. Um die wahren Gründe für den Niedergang herauszufinden, muß man die Kathedralen aus Marmor, Glas und Stahl verlassen, in denen die Bergbaukonzerne alte Macht und Herrlichkeit vorspiegeln. Muß hinunterfahren auf 3000 Meter Tiefe, wo es stockdunkel, stickig, feucht und tropenheiß ist.