Aus Dresden berichtete im Juni 1531 Johannes Cochläus, einer der führenden Intellektuellen des katholischen Lagers dem englischen Lordkanzler Morus, damals der bedeutendste Kopf der englischen Katholiken, daß er die Texte und Schriften Philipp Melanchthons für weitaus schädlicher als die Bücher Martin Luthers halte, weil Melanchthons Argumente "gedanklich dichter und in der Wortwahl moderater" seien. Er selbst werde künftig nicht mehr gegen Luther, sondern gegen Melanchthon schreiben. Cochläus, der in den folgenden Jahren tatsächlich eine "Philippica" nach der anderen gegen Melanchthon herausbrachte, stand mit seinem Urteil keineswegs allein. Seit 1530 wuchs Melanchthon für Freunde wie für Gegner in die Rolle des einflußreichsten Reformators in Deutschland hinein, während Luther, der Sachsen wegen der über ihn verhängten Reichsacht nicht verlassen konnte, allmählich an Einfluß verlor. Inzwischen war die Reformation längst ein europäisches Ereignis geworden, wenngleich die deutsche Geschichtsschreibung seit Ranke die Reformation immer wieder als den eigentlichen Beginn der deutschen Nationalgeschichte in der Neuzeit reklamiert hat.

Bis 1530 stand Melanchthon im Schatten Luthers. In der Geschichtsschreibung ist dies bis heute der Fall. Die Studie von Heinz Scheible ist seit langem die erste große wissenschaftliche Biographie über den humanistischen Reformator, dessen fünfhundertster Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wurde.

Sie ermöglicht es, den ungewöhnlichen und schwierigen Lebensweg Melanchthons nachzuvollziehen, ja überhaupt erst einmal kennenzulernen. In erster Linie versteht sie sich als ein Beitrag zur protestantischen Kirchengeschichte in Deutschland, weniger als ein Buch zur allgemeinen deutschen und europäischen Geschichte. Agnostiker werden hier kaum auf ihre Kosten kommen. Andererseits ist aus einer gewissen Scheu des Autors, vom Tugendpfad der Wissenschaftlichkeit abzuweichen, diese Biographie sehr auf Faktizität hin angelegt. Zwar wird auf die breite Korrespondenz Melanchthons Bezug genommen, aber es wird selten wörtlich zitiert, auch nicht aus dem faszinierenden Briefwechsel, den Melanchthon, der enge Vertraute Luthers, mit Erasmus beispielsweise nach der großen Kontroverse in der Mitte der 1520er Jahre zwischen Erasmus und Luther über den "freien" beziehungsweise "geknechteten" Willen führte. Man vermißt den historischen Originalton, der einer Biographie Farbe verleiht. Markante und entschiedene Aussagen, die die Leistungen Melanchthons deutlich herausstellen, werden vermieden. Der Leser muß sich seinen Teil dazudenken. Das macht die Lektüre nicht ganz einfach.

Ein besonderes Verdienst dieser Biographie besteht darin, daß sie Melanchthon nicht nur als Theologen, Hochschullehrer, Humanisten und Reformer des deutschen Bildungswesens vorstellt, sondern auch als Diplomaten und Politiker, der mit großer Geduld und in zähem Einsatz, die Strapazen langer Reisen auf sich nehmend, immer wieder auf Reichstagen und in Religionsgesprächen versuchte, einerseits den Zusammenhalt des protestantischen Lagers zu sichern und andererseits den endgültigen Bruch zwischen den konfessionellen Lagern zu vermeiden.

Als Melanchthon 1560 starb, war seine Politik des Kompromisses weitgehend gescheitert. Immerhin war 1555 der Augsburger Religionsfriede zustande gekommen, der Deutschland anders als Frankreich in den kommenden Jahrzehnten, jedenfalls bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1618, vor einem blutigen Bürger- und Religionskrieg verschonte. Andererseits verfestigte sich seit 1555 der spezifisch deutsche Konfessionalismus praktisch für die Dauer von vierhundert Jahren. Er hat die Entstehung einer provinziellen Mentalität begünstigt, deren Wirkung Melanchthon während seiner letzten Lebensjahre selbst noch in den maßlosen Angriffen "orthodoxer" lutherischer Theologen auf seine Person erleben mußte.

Melanchthon sei, faßt Scheible zusammen, in seinen Lebenssituationen nicht immer glücklich gewesen, und er habe sich zuweilen als ein "an den Felsen geschmiedeter Prometheus" gefühlt: "Woraus waren seine Fesseln? Mußte er im sandigen Wittenberg sterben, wo ihm das Essen nach vierzig Jahren nicht schmeckte und die Sommerhitze noch lästiger war als die Winterkälte? Er hätte wegziehen können. Schon nach achtzehn Monaten wollte sein Mentor Reuchlin, dem der Tübinger Dozent (1518) den Ruf an die kursächsische Universität verdankte, ihn lieber in Ingolstadt sehen. Dies wäre eine Entscheidung gegen Luther und für den Papst gewesen. Melanchthon traf sie in voller Überzeugung.

Er blieb."