Nach den heftigen Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres um den Bestseller von Daniel Jonah Goldhagen, "Hitlers willige Vollstrecker", schien sich die Aufregung allmählich gelegt zu haben.Doch nun flackert der Streit wieder auf.Angefacht wird er vom Spiegel, dessen Herausgeber Rudolf Augstein Goldhagen zunächst als "Scharfrichter" verdammt und ihn wenige Monate später, nach einem "klärenden Gespräch" in seinem Sylter Domizil, geradezu freundschaftlich umarmt hatte.Nun vollzieht der Spiegel abermals eine Kehrtwende.In seiner Ausgabe der letzten Woche goß er unter der Überschrift "Goldhagen - ein Quellentrickser?"Häme über all jene aus, die dem Mann aus Harvard angeblich auf den Leim gegangen seien.Denn, so das Blatt, der "sympathisch-se lbstbewußte Star" sei in Wahrheit ein Schaumschläger und könnte "ebenso rasch ins Abseits geraten, wie er das Rampenlicht auf sich zog". Als Kronzeuge der Anklage dient der US-Politologe Norman Finkelstein, wie Goldhagen Sohn von Holocaust-Überlebenden, der bislang allerdings durch Beiträge zum Thema nicht aufgefallen ist.In einem umfänglichen Aufsatz in der Londoner Zeitschrift New Left Review, aus dem der Spiegel dieser Woche Auszüge abdruckt, hat Finkelstein die deutsche Debatte um Goldhagens Buch vollkommen außer acht gelassen.Was er an sachlichen Einwänden vorträgt, wiederholt nur, was vor einem Jahr hierzulande hundertmal durchbuchstabiert worden ist. Beachtung verdient allerdings der im Detail versuchte Nachweis, daß Goldhagen einen eigenwilligen Umgang mit der Sekundärliteratur pflegt und daraus mit Vorliebe nur das zitiert oder herausliest, was sich in seinen Interpretationsrahmen fügt.Auch dieser Vorwurf ist freilich nicht neu, sondern von deutschen Kritikern Goldhagens wie Eberhard Jäckel wiederholt formuliert worden. Jüngst hat die kanadische Historikerin Ruth Bettina Birn (im Märzheft des Cambridger Historical Journal) den Verdacht auch im Blick auf die drei Fallstudien des Buches erhärtet.Nach Durchsicht der von Goldhagen in der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen herangezogenen Akten kommt sie zu dem Ergebnis: "Er benutzt das Material, um seine vorgefaßten Theorien zu untermauern." Der Vorwurf des selektiven Gebrauchs historischer Quellen ist also nicht von der Hand zu weisen.Ein anderer Befund wäre bei einem Buch, das mit so provozierend zugespitzten Thesen arbeitet, auch überraschend.Natürlich muß dieses methodische Verfahren der Kritik ausgesetzt werden.Finkelstein aber schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er Goldhagens Werk als wissenschaftlich wertlos, ja als Betrug abtut.Und geradezu infam ist seine Unterstellung, die Holocaust-Forschung, wie sie hier betrieben we rde, sei nichts weiter als politische Propaganda im Dienste des Zionismus.Dagegen hat sich Goldhagen in seiner Antwort in der Frankfurter Rundschau zu Recht zur Wehr gesetzt. Bevor der Streit um "Hitlers willige Vollstrecker" zur Schlammschlacht gerät, sei daran erinnert, daß es bereits einige Beispiele dafür gibt, wie man Goldhagen in der Sache scharf kritisieren und dennoch seine unbestreitbaren Leistungen anerkennen kann.Am überzeugendsten hat dies bislang der junge Historiker Dieter Pohl, Verfasser einer wegweisenden Studie über die Judenverfolgung in Ostgalizien 1941 bis 1944, in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte (Januar 1997) getan.Sein von hoher K ompetenz und mustergültiger Fairneß zeugender Aufsatz "Die Holocaust-Forschung und Goldhagens Thesen" sei nachdrücklich als Gegenlektüre zur giftigen Spiegel-Veröffentlichung empfohlen.