Noch keine hundert Tage war Dietmar Kuhnt in seinem Amt als Vorstandsvorsitzender des RWE, da griff er schon ein Thema auf, an dem sich Friedhelm Gieske, sein Vorgänger, die Finger verbrannt hatte: das Mehrfachstimmrecht für einen Teil der RWE-Aktien in kommunaler Hand, das den an Deutschlands größtem Stromerzeuger beteiligten Städten und Kreisen die Stimmenmehrheit sichert, obwohl ihnen nur gut 26 Prozent der Aktien gehören.

In dieser Beherrschung des längst nicht mehr nur in der Stromerzeugung tätigen Unternehmens durch "kommunale Oberbeamte" sah nicht nur Gieske ein Handicap. Internationale Anleger, so lautete eine weitverbreitete Meinung, würden dadurch vom Kauf der RWE-Aktie abgeschreckt. Und wie zur Bestätigung ihrer Macht sorgten die kommunalen Vertreter im Aufsichtsrat des Unternehmens dafür, daß Gieske der Sprung an die Spitze dieses Gremiums verwehrt blieb - er mußte sich schließlich mit einem ganz normalen Aufsichtsratsmandat zufriedengeben.

Seinen Nachfolger im Vorstand hinderte das nicht, ebenfalls über eine Begrenzung kommunaler Macht nachzudenken. Er hoffe, so Kuhnt im Februar 1995, "auf eine einvernehmliche Lösung während meiner Amtszeit". Diese Lösung ist nun zum Greifen nahe. Der RWE-Vorstand schlägt den Kommunen vor, jeweils neunzehn der mit ihren Namensaktien verbundenen zwanzig Stimmrechte an die Inhaber stimmrechtloser Vorzugsaktien zu verkaufen. Aus diesen Papieren würden damit von den Börsianern höher bewertete Stammaktien, was die Zahlung eines an der bisherigen Kursdifferenz von Stamm- und Vorzugsaktien orientierten Preises rechtfertigen würde. Für die Kommunen ist die Offerte nicht ohne Reiz. Betrüge die Ausgleichszahlung zum Beispiel zwölf Mark je Stimme - das entspricht in etwa dem Kursunterschied in der jüngsten Vergangenheit -, würden sie gut 1,6 Milliarden Mark kassieren, ohne einen einzigen Pfennig ihres Vermögens einzubüßen. Immer vorausgesetzt natürlich, daß sich genügend tauschwillige Besitzer von Vorzugsaktien finden. Das müßten immerhin Aktionäre mit einem Besitz von nominal 680 Millionen Mark sein, wenn alle Stimmrechte der Kommunen vergoldet werden sollen.

Finanzielle Vorteile hätten die Käufer zunächst einmal nicht - die Dividende ist für Stamm- und Vorzugsaktien gleich, die Rendite jedoch wegen des niedrigeren Kurses bei den Vorzugsaktien höher. Der Stammaktionär steht sich nur dann besser, wenn jemand die Mehrheit oder zumindest eine qualifizierte Minderheit zu kaufen trachtet und dabei den Börsenkurs für die stimmberechtigten Stammaktien, nicht aber den für die stimmrechtlosen Vorzüge nach oben treibt.

Größeres Interesse am Tausch müssen dagegen die Kommunen haben. Sowohl in Bonn als auch in Brüssel gibt es nämlich ernstzunehmende Pläne, das Mehrfachstimmrecht ersatzlos zu streichen. Städte und Kreise würden dann ein Privileg verlieren, das ihnen 1924 gewährt wurde, weil damals die ausschließlich bei den Kommunen liegenden Namensaktien zwanzigmal so stark abgewertet wurden wie die übrigen Anteile. Nur durch das Mehrfachstimmrecht blieb ihnen die Mehrheit, die sie seit 1920 besaßen.

Das RWE ist durch die Stimmenmehrheit der Kommunen nicht daran gehindert worden, sich vom nationalen Stromerzeuger zum international tätigen Konzern zu wandeln. Seit 1905, als die Städte Essen, Gelsenkirchen und Mülheim mit zusammen gut dreißig Prozent Aktionäre wurden, besteht ein inniges Verhältnis zwischen Unternehmen und Kommunen. Und obwohl die Städte und Kreise chronisch knapp bei Kasse sind, hat das RWE nie unter Kapitalmangel leiden müssen.

Zunehmend gestört hat freilich die Übung, Vorstandspositionen im RWE-Konzern mit Oberstadt- oder Oberkreisdirektoren zu besetzen. Niemand spricht den hohen Kommunalbeamten die Fähigkeit ab, Vorstandspositionen in der Industrie zu bekleiden. Mit manchen von ihnen hat das RWE durchaus einen guten Griff getan. Was stört, ist das starre Schema, nach dem inzwischen verfahren wird.