Norbert Walter kam zur rechten Zeit. Während einer Asienreise diese Woche konnte sich der Chefökonom der Deutschen Bank selbst ein Bild von der jüngsten Währungskrise auf dem Kontinent machen. "Ein Ende ist nicht abzusehen", lautet seine Prognose. Der konservative Volkswirt ist nicht der einzige, der die Situation in Südostasien mit Sorge beobachtet. Von Thailand bis Indonesien stürzen Währungen und Börsenkurse in den Keller, die Auslandsverschuldung steigt. "Und die Notenbanken sind völlig unvorbereitet", sagt Walter.

Dabei galten die südasiatischen Tiger noch bis vor wenigen Wochen als Wirtschaftswunderländer. "Das asiatische Zeitalter beginnt", jubelte nicht nur Singapurs Regierungschef Lee Kuan Yew, sondern auch internationale Wirtschaftsfachleute. Ein jahrzehntelanger Boom und zweistellige Wachstumsraten trieben Investoren scharenweise in die Region. Doch Asien scheint dem rasanten Aufschwung nicht mehr gewachsen. Vor allem den Finanzmärkten geht die Luft aus, beobachtet die Asiatische Entwicklungsbank in ihrer neuesten Studie.

Malaysias und Indonesiens Finanzminister geben derzeit Geldhändlern und Spekulanten für die Währungskrise die Verantwortung, doch damit machen sie es sich zu einfach. Krisen sind die Folge falsch eingeschätzter Risiken und politischer Fehlentscheidungen. Und davon gab es in Thailand während der vergangenen Monate genügend: zum Beispiel die Hochzinspolitik der thailändischen Zentralbank vor dem ersten Crash im Mai. Der harte Kurs sollte Kredite verteuern und die Wirtschaft abkühlen. Doch mit ihrer straffen Geldpolitik erreichte die Zentralbank in Bangkok das Gegenteil. Sie lockte ausländische Kreditgeber ins Land. Die hohen Zinsen machten Thailand für die internationalen Banken lukrativ - trotz aller Risiken. Vor allem Finanzhäuser aus Japan nutzten ihre Chance. Fast zwei Drittel des insgesamt in Thailand verliehenen Geldes stammen aus Tokio.

Als aber die japanische Notenbank Mitte Mai eine Straffung ihrer Geldpolitik ankündigte, brach das System zusammen. Spekulanten und Analysten verloren das Vertrauen in Thailands Wirtschaft. Schlechte makroökonomische Kennziffern wie sinkende Exporte, ein hohes Leistungsbilanzdefizit, stagnierende Immobiliengeschäfte und fallende Direktinvestitionen verschlechterten die Stimmung der Broker weiter.

Über Nacht verkauften die Händler ihre langfristigen Währungspositionen, der Baht fiel auf seinen niedrigsten Stand seit zehn Jahren. "Spekulanten sind wie Haie, sobald sie eine Schwäche wittern, attackieren sie ihr Opfer", sagt Fong Cheng Hong, Analystin beim Investmenthaus Nomura Singapore. Keine noch so wilde Spekulation kann allerdings eine Währung niederringen, wenn die ökonomischen Eckdaten stimmen. Der Fehler liegt bei Asiens Politikern. Sie haben zu lange auf schnelles Wachstum der Exportindustrie gesetzt und ihre Wechselkurse an den Dollar gebunden.

Die Schwäche des Dollars kam der asiatischen Wirtschaft jahrelang zugute. Zum einen waren die Exporte billig, zum anderen blieben die Währungen dank der Koppelung relativ stabil. Jetzt wurde aus dem Vorteil ein Nachteil. Der Dollar wurde immer teurer und mit ihm die asiatischen Ausfuhren. Von Bangkok bis Jakarta stagnieren deshalb in diesem Jahr die Exporte, der Motor der Volkswirtschaften.

Daß die Währungskrise wie eine Lawine durch die Region rollt, ist kein Zufall. Denn die Länder leiden alle an ähnlichen Krankheitssymptomen: überbewertete Währungen und Börsen, aufgeblasene Immobilienmärkte. Nach dem Kursrutsch in Thailand sanken die Währungen und Aktien in Malaysia und auf den Philippinen auf ein Rekordtief. Jüngstes Opfer: Indonesien. Die indonesische Rupiah fiel in diesem Jahr insgesamt um sechzehn Prozent. Die indonesische Zentralbank steht machtlos daneben. Die Millionen, die sie in den Markt pumpte, konnten den Verfall der Währung nicht stoppen. Letztendlich beugte sich Jakarta - wie vier Wochen zuvor Bangkok - dem Druck der internationalen Finanzmärkte und gab die Rupiah frei.