Nicht lange nach dem demokratischen Umsturz vom 1. Mai, an dem die Labour-Partei nach jahrzehntelanger Opposition wieder die Macht ergriff, war bei uns im Dorf Hochzeit. Auf dieser Hochzeit im schottischen Hochland wurde mir klar, warum auch der glanzvolle Sieg von Tony Blair auf der Insel vermutlich gar nichts ändern wird. Großbritannien wird sich immer gleichbleiben - egal, ob nun eine eiserne Lady oder ein strahlender, fast noch junger Mann hinter der schwarzen Tür in der Londoner Downing Street residiert. Die Briten sind gegen ihre Politiker merkwürdig resistent. Und schlagen ihnen gern auch mal ein Schnippchen. Kaum hat der neue Premier die ersten hundert Tage hinter sich, haben die Wähler, vor drei Wochen bei einer Nachwahl in Uxbridge im Westen Londons, wieder die Konservativen siegen lassen!

Die Hochzeit im Mai war eine Highland wedding mit Kutsche und Kilt und Dudelsack. Die Trauung fand im Dorfladen statt, die Ladeninhaberin ist zugleich Standesbeamtin. Nach der Trauung gab es in der Dorfhalle ein großes Festmahl. Und Reden. Die längste Rede hielt der Brautvater, Alasdair Fraser.

Die Frasers sind eine der drei großen Sippschaften im Dorf. Alasdair Fraser ist ein aufgeklärter Mensch, von Beruf Ingenieur, ein Kosmopolit, politisch eher links und trotz seiner fortgeschrittenen Jahre ein fingerfertiger Geigenspieler. Seine Rede verlor sich immer tiefer in mythenschwerer Vergangenheit. Seine (australische) Frau zupfte ihn am Ärmel, aber er ließ sich nicht stoppen.

Es ging um die Geschichte der einst mächtigen Frasers, um Streit und Zerwürfnis nach der Niederlage der Katholischen in der Erhebung von 1745, um Vertreibung, Flucht ... Oberflächlich besehen ist Großbritannien ein modernes Land. Aber unter dieser Oberfläche hält ein traditionsverhaftetes Netz ungebrochener Loyalitäten das Leben in seinen immergleichen Bahnen. In Lovat Castle, dem Stammschloß der Frasers, wohnt heute längst eine ehemalige Schaffnerin aus Perth, die seit der Privatisierung der Busbetriebe ein internationales Busimperium leitet und so zur Multimillionärin aufgestiegen ist. Den Mythos der Frasers kann das nicht ankratzen. Denn Großbritannien ist in erster Linie eine Stammesgesellschaft.

Natürlich gilt das Land seit jeher als die Urheimat der Klassengesellschaft, genaugenommen seit 1845, seit dem Erscheinen von Friedrich Engels' Wälzer über "Die Lage der arbeitenden Klasse in England". Ein Dr. Ernst Lewalter beschrieb seinerzeit die Struktur der englischen Gesellschaft in der europaweit von den Nazis herausgegebenen Illustrierten Signal als "zwei Menschenströme, der eine bedrückte Männer, die abends auf schweren Beinen in ihre abscheulichen Wohnviertel trotten der andere fröhliche Gentlemen, die zu ihren in langer Reihe geparkten Limousinen schreiten".

Nun ist es in der Tat so, daß Briten fasziniert von ihrer Klassenzugehörigkeit sind. Es gibt jede Menge Bücher, welche die Grenzlinien zwischen unterer Mittelschicht, mittlerer Mittelschicht und oberer Mittelschicht beschreiben. Man will mit der oder jener Person nichts zu tun haben, weil sie sich lower middle class benimmt oder weil sie ein upper class twit, ein aristokratischer Trottel, ist. Aber dabei geht es gar nicht um Klassen. Ein Lord kann im Gärtnercottage leben und ist deswegen immer noch ein Lord. Die neue Herrin im alten Fraser-Schloß bleibt eine Schaffnerin aus Perth. Die soziale Zugehörigkeit ist eine Frage des Stammes.

Ein Stamm, so steht es in einem Lehrbuch der Anthropologie, sei "eine relativ kleine Gesellschaftsgruppe, organisiert nach sippschaftlichen Prinzipien, charakterisiert durch geringe, soziale Schichtung und ohne zentrale, politische Autorität, deren Mitglieder eine gemeinsame Kultur und Sprache teilen". Kultur wird als "erworbene Denkmuster und charakteristisches Verhalten einer bestimmten, sozialen Gruppe" definiert.