Es ist eine ungewöhnliche Szenerie für einen russischen Industriebetrieb: Tausende Arbeiter schrauben und hämmern unermüdlich an drei parallelen Fließbändern. Niemand in der Fabrikhalle klagt über nicht gezahlte Löhne.

Kaum jemand sitzt herum, einigen läuft der Schweiß über das Gesicht. Die Maschinen ächzen auf Hochtouren. Vom Band rollt alle 22 Sekunden das begehrteste Konsumgut der Sowjetzeit: ein Lada.

Jedes zweite Auto ist immer noch vom Typ des Lada-Klassikers, ein dem Fiat 124 aus den sechziger Jahren nachempfundenes, kantiges Fahrzeug mit dem Charme eines Trabis. Dieses Auto muß man zur Vernunft bringen, sagen russische Autofahrer. Sie nehmen den Viertürer nach dem Kauf erst einmal Teil für Teil auseinander, um ihn dann wieder zusammenzubauen.

Trotz Preisen von 11 000 Mark aufwärts wird das Autofossil in Rußland, wo die meisten ehemaligen Sowjetprodukte vom Markt verschwunden sind, bis heute rege nachgefragt. AwtoWas - das Unternehmen, das seit April 1970 die Ladas vom Band laufen läßt - konnte im vergangenen Jahr mehr als 670 000 Autos vom Typ Schiguli, Samara und Niva verkaufen. Der Jahresumsatz überstieg fast sieben Milliarden Mark.

Die Besonderheiten des russischen Automarktes machen es möglich: Zum einen sind die Zölle auf Importautos extrem hoch - je nach Hubraum des Motors sind Neuwagen manchmal mehr als doppelt so teuer wie in den Vereinigten Staaten oder Deutschland. Zum anderen begünstigen aber auch Rußlands Straßen und das Klima die heimische Autoindustrie.

Ein Ende des Lada-Booms ist somit vorerst nicht in Sicht: In diesem Jahr wollen die Autobauer aus der 700 000-Einwohner-Stadt Toljatti - benannt nach dem italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti - 716 000 Ladas produzieren. Das Unternehmen hat seine Kapazitäten zu 98 Prozent ausgelastet - ein Traumwert für jede Fabrik.

Doch trotz der beeindruckenden Verkaufszahlen ist AwtoWas ein typisch russisches Unternehmen geblieben - und das nicht nur wegen seiner gigantischen Anlagen, deren Fließbänder ausgestreckt von Köln bis nach Frankfurt reichen würden. Wie Tausende anderer Industriebetriebe steckt der Autohersteller tief in der Schuldenkrise: Mit mehr als vier Milliarden Mark steht AwtoWas beim Staat und bei Banken in der Kreide. Selbst wenn der Fiskus auf die Säumniszuschläge und Strafen verzichten sollte, würde die Primärschuld rund 2,5 Milliarden Mark betragen.