Früher war alles schlechter. Simon Morony muß nur fünf Jahre zurückdenken, und schon freut er sich über die Gegenwart. "Es nahm uns keiner ernst", sagt der Gründer des Münchner Bio-Tech-Unternehmens Morphosys. Die Banken ignorierten ihn, die Politiker waren desinteressiert, und viele Leute hatten schlicht Angst vor der neuen Technologie. Seither hat sich vieles gewandelt: Politikern gilt Gentechnik als Zukunftstechnologie, Risikokapitalfonds investieren in die deutschen Bio-Tech-Neulinge, und selbst ausländische Pharmamultis arbeiten zunehmend mit den Newcomern zusammen.

"Alle reagieren extrem positiv", meint Morony. "Die Gentechnik boomt."

Tatsächlich gibt es mittlerweile so viele deutsche Bio-Tech-Unternehmen, daß in dieser Woche ein Fachverband, die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie, gegründet wird. "In Europa müssen Rahmenbedingungen für die optimale Entfaltung dieser neuen Technologie geschaffen werden", umschreibt Bayer- Vorstandsmitglied Pol Bamelis, der Vorsitzende des neuen Verbands, die Aufgabenfelder. Insgesamt 65 Unternehmen gründen mit - neben den großen Pharmariesen auch dynamische Mittelständler wie die Hildener Qiagen oder die Hamburger Evotec. Diese kleinen Unternehmen sind es auch, die zur Zeit die Branchenkenner in Entzücken versetzen. Über 100 solcher start-ups hat die Unternehmensberatung Ernst & Young unlängst gezählt, im Vorjahr fanden sie erst 75. Berater Carsten Kremose, der die Szene durchleuchtet hat, prognostiziert bereits eine "new economy", eine eigenständige, europäische Biotechnologie-Industrie.

Die derzeitige Euphorie fällt Kremose und anderen Beobachtern der Branche leicht - lang genug mußten sie miese Stimmung verbreiten. Jahrelang schien es, als ob - mit Ausnahme einiger mutiger Pioniere (siehe ZEIT Nr. 13/95) - ausschließlich in den Vereinigten Staaten gentechnische Forschungs- und Produktionsstätten entstehen würden. Garagenfirmen wie Amgen und Genentech schafften dort innerhalb weniger Jahre Millionenumsätze. In Deutschland hingegen überwogen Skepsis und Furcht gegenüber der neuen Technologie. So investierten die großen europäischen Pharmariesen mit Vorliebe in den USA, wo sie Forschungskapazitäten unterstützten und sich an kleinen, innovativen Unternehmen beteiligten.

Der Vorsprung, den die Amerikaner sich so erarbeiteten, ist nach wie vor enorm - sowohl bei der Qualität als auch bei der Quantität. 1287 amerikanische Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von 14,6 Milliarden Dollar hat die Unternehmensberatung Ernst & Young im vergangenen Jahr gezählt. In Europa kamen sie nur auf 716 Unternehmen, die gerade mal 2,2 Milliarden Dollar Umsatz machten. Dennoch hat sich mittlerweile eines deutlich geändert: Die Europäer treten heute zur Aufholjagd an. "Europas Position hat sich bei den spezialisierten Bio-Tech-Unternehmen verbessert", kommentiert eine soeben erschienene Studie der Universität Sussex. Auch in Deutschland, so die Wissenschaftler, wachse die Geschwindigkeit, mit der kleine, hochspezialisierte Unternehmen gegründet werden.

Die Startposition ist für die europäischen Jungunternehmer tatsächlich gar nicht so schlecht: Der wichtigste Grundstock, das Fachwissen, ist reichlich vorhanden. Selbst zu Zeiten, da mancher den fehlenden Gründergeist der Deutschen beklagte, waren sich die Experten einig: Wissenschaftlich gehört die deutsche Biotechnologie zur Spitzenklasse. Nur bei der wirtschaftlichen Verwertung der Erkenntnisse haperte es eben lange. "Noch heute gilt bei uns der deutschen Wissenschaftler, der im Elfenbeinturm sitzt und sich nicht um die Verwertung seiner Erkenntnisse kümmert, als besonders ehrenhaft", meint Carsten Kremose. Nun aber sei weniger Geld für die Forschung vorhanden. Und da außerdem vielen Hochschulabsolventen die Unikarriere verschlossen bleibe, gäbe es einen angenehmen Nebeneffekt: Manch kluger Kopf erwäge inzwischen eine Unternehmensgründung.

"Jede Woche höre ich von jemandem, der über eine Existenzgründung nachdenkt", bestätigt auch Metin Colpan. Der Geschäftsführer der Hildener Qiagen kennt die deutsche Szene wie kaum ein anderer. Immerhin ging sein Bio-Tech-Unternehmen im vergangenen Jahr an die Börse - als eines der ersten deutschen startups. Colpan ließ die Aktien allerdings nicht in Deutschland, sondern an der amerikanischen Risikokapitalbörse Nasdaq notieren. "Wir hatten damals gar keine Alternative." Das ist inzwischen anders: "Heute wäre die Entscheidung, an welche Börse wir gehen, schwerer", sagt Colpan. Mittlerweile nämlich können sich neue Unternehmen sowohl an der europäischen Risikokapitalbörse Esdaq als auch am neuen Markt in Frankfurt Kapitalspritzen holen.