Wer war Claude Cahun? "Ein großes Talent, aber eine unangenehme Person", hätte André Breton vielleicht geantwortet. Er hat diese surrealistische Mitkämpferin in den dreißiger Jahren geschätzt und ihren Schriften eine "magische Kraft" bescheinigt. Später jedoch soll er den Künstlertreffpunkt, das "Café Cyrano", gemieden haben, um ihr nicht zu begegnen, wenn sie mit rosa, silber oder golden gefärbtem, extrem kurz geschnittenem Haar oder gar mit kahlgeschorenem Kopf auftrat, begleitet von ihrem "anderen Ich", ihrer Stiefschwester und Lebensgefährtin Suzanne Malherbe.

Claude Cahun, 1894 als Lucie Schwob in Nantes geboren, entstammte einer bekannten Familie jüdischer Intellektueller: der Vater Maurice Schwob, Begründer der Zeitschrift Mercure de France, war ein Freund Oscar Wildes und bekannter Autor symbolistischer Literatur, und der Großonkel Léon Cahun war Romancier und Orientalist. Seinen Namen nimmt sie 1917 nach Beendigung ihres Studiums in Oxford und Paris als eines von mehreren Pseudonymen an. Den Vornamen Claude schätzt sie besonders, weil er im Französischen geschlechtsunspezifisch ist. Als Claude Courlis veröffentlicht sie Gedichte und schreibt unter dem Namen Daniel Douglas Artikel für Zeitschriften als Reverenz an Oscar Wildes zerstörerischen Liebhaber Lord Alfred Douglas. 1925 veröffentlicht sie unter dem Titel "Héroines" Kurzgeschichten und beginnt eine Reihe von tableaux photographiques in surrealer Objektanordnung. Obwohl sie ihren Zeitgenossen also durchaus ein Begriff ist, wird sie vergessen.

Selbst aus der Geschichte des Surrealismus fällt sie heraus. Und gilt heute als eine große Entdeckung der Photographiegeschichte.

Vor etwa zehn Jahren war eine Schachtel mit Photos aufgetaucht, unter denen sich ein Konvolut von Selbstportraits fand, das die Debatte über gender und Identität vorweggenommen hat. Auf der Suche nach Authentizität verweigert Cahun die Selbstbehauptung: "Ich bin ich". Sie wählt den Weg der Selbstschöpfung, um der eigenen Person in der Metamorphose auf die Spur zu kommen. Sie nimmt nicht nur unterschiedliche Namen an, sondern wählt auch in ihren Selbstportraits die Verdopplung oder Vervielfachung und taucht in immer neuen Verkleidungen und Rollen als Buddha, als Gentleman, als Gewichtheber, als Harlekin oder als Nackte am Strand auf. "Der Traum. Ich stelle mir vor, daß ich anders bin. Ich spiele mir meine Lieblingsrolle vor." Sie will "sich anders wahrnehmen, um zu werden, was sie ist".

Wer war Claude Cahun? Sie war, nach unserem heutigen Wissensstand, Dichterin, Essayistin, Übersetzerin, Schauspielerin und als Anhängerin von Trotzkij revolutionäre Aktivistin. Sie war vermögend und doch keine Salonkommunistin, und sie war kompromißlos, auch unter Einsatz ihres Lebens. Aber so einfach hätte sie die Frage nach ihrer Identität nie beantwortet: Dann wäre sie Lucie Schwob geblieben und hätte mit ihrer Stiefschwester, um den Schein zu wahren, wie mit einer Schwester zusammengelebt, anstatt die lesbische Beziehung offen zuzugeben. Sie muß vom Bewußtsein ihres Andersseins, ihrer Androgynität, zutiefst verstört gewesen sein, so daß sie dieses zum zentralen Thema ihres Lebens und ihrer Kunst erhoben hat.

Claude Cahun hat damit am Anfang dieses Jahrhunderts Fragen gestellt, die von der Gesellschaft erst viel später zugelassen wurden. Sie wollte "die Saubermänner in Aufruhr versetzen", durch ihre "rauhe Stimme und den offensichtlichen Widerschein" ihres "Begehrens". Sie tritt für "die allgemeine Freiheit der Sitten ein und will nicht zwischen Heterosexualität und Homosexualität unterscheiden: "... alles hängt vom Individuum und den Umständen ab." Identität und auch geschlechtliche Identität hat für sie nichts mit Genen und Chromosomen zu tun, sondern ist ein soziales Konstrukt.

Deshalb lautet ihre Botschaft: Konstruiere dich selbst. In Leben und Kunst hat sie die Wirksamkeit des Imaginären erprobt und geriet damit fast automatisch in die Nähe der Surrealisten. Nur dort war es möglich, die Bedingungen der Realität als umstößlich zu betrachten. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die das scheinbar Festgefügte ins Schwanken bringen. Deshalb waren gerade bei den Surrealisten Anagramme beliebt. Hans Bellmer, angeregt durch Unica Zürn, hat diese Versform auch auf den Körper angewandt und ist so zum austauschbaren Geschlecht gekommen, und Marcel Duchamp hat sich mit der Verballhornung von Eros c'est la vie als Rose Selavy ein weibliches Ich geliehen. Das Thema war also präsent, aber keiner hat es in dieser Radikalität durchlebt und bearbeitet wie Claude Cahun.