Der Atomkraft haben die Italiener entsagt an Kohle und Erdöl aber sind sie arm. Kein Wunder, daß diese Not erfinderisch macht und auch exotischen Energiequellen Attraktivität verleiht: Eine Million Tonnen Erdöl sparen die Italiener schon heute jährlich, indem sie heißen Dampf aus dem Boden der Toskana zapfen und daraus immerhin ein Prozent ihres Strombedarfs decken. Bis zur Jahrtausendwende will die staatliche Elektrizitätsgesellschaft Enel SpA umgerechnet eine Milliarde Mark in weitere Erdwärmekraftwerke investieren und die jährliche Ölersparnis so auf anderthalb Millionen Tonnen steigern. Statt jetzt 500 Megawatt (MW) sollen in Zukunft 700 MW bereitstehen, immerhin die halbe Leistungskraft eines Atommeilers vom Typ Biblis. Und obwohl bei den hohen italienischen Strompreisen die Nutzung der Erdwärme durchaus rentabel ist, bekommt Enel aus Rom dafür auch noch saftige Subventionen.

Jetzt hat der Monopolversorger zwei neue, technisch besonders raffinierte Stromwerke mit je 20 MW in Betrieb genommen. Die jüngste Investition hat 200 Millionen Mark erfordert. Am teuersten sind die Bohrungen, obwohl der größte Teil davon fündig wird. Die neuen Kraftwerke werden durch insgesamt 19 Bohrlöcher versorgt, die zum Teil zweieinhalb Kilometer ins Erdinnere reichen. Der heiße Dampf strömt durch acht Kilometer lange Rohrleitungen, die ihn über Berg und Tal zu den Turbinen leiten.

Zu dem Investment gehören auch zwei Kühltürme, an denen das stark nach Schwefelwasserstoff, also nach faulen Eiern, riechende Naß abrieselt und zu einem Drittel wieder in den Untergrund gepumpt wird, wo der heiße Kreislauf aufs neue beginnt. Zwar entsteht bei der Erdwärmenutzung nicht das klimaschädliche Kohlendioxid, aber ohne Umweltbeeinträchtigungen - Gestank und häßliche Rohrleitungen - kommt auch diese unkonventionelle Energieproduktion nicht aus. Immerhin sind die neuen Leitungen in dezentem Grasgrün gestrichen und glänzen nicht mehr weithin sichtbar wie silberne Schlangen aus rohem Edelstahl. Insgesamt 1300 Personen sind in den 27 italienischen Erdkraftanlagen beschäftigt.

Die borhaltigen Dämpfe werden bereits seit Jahrhunderten genutzt. Sie dienten zunächst zur Produktion von Borsäure, dann auch zum Beheizen von Gewächshäusern und als Antriebskraft für Maschinen. Heute heizt die Abfallwärme unter anderem den gesamten Ort Castelnuovo.

Die Italiener verdanken die Möglichkeit der Erdwärmenutzung einer besonderen geologischen Struktur, die in Europa außer in der westlichen Toskana nur noch in Island anzutreffen ist. Formationen aus dem Erdinnern sind in der abgelegenen und dichtbewaldeten Region besonders weit nach oben gestiegen und sorgen für die nötige Hitze, die bereits seit 1905 zur Stromerzeugung genutzt wird. Die Enel unterhält eine eigene Forschungsabteilung für Erdwärme im Zentrum dieser geologischen Vorkommen. Sie hat auch die komplizierte Bohrtechnik selbst entwickelt.

Enel hat deshalb weltweit die meisten Erfahrungen mit den Erddämpfen - und will davon in Zukunft nicht nur im eigenen Land profitieren. In den nächsten Wochen will der Strommonopolist deshalb einen Kooperationsvertrag mit Indonesien abschließen. Neben den Vereinigten Staaten und den Philippinen gilt das fernöstliche Inselreich als lukrativster Kandidat für die Nutzung der Hitze, die aus der Erde kommt.