Über die Leiste des vollen Regals fällt "Der unsichtbare Zweite" auf den alten Teppich. Viele Bücher liegen da übereinander, es staubt ziemlich prächtig, während Hartmut Mechtel noch vor dem Gestell kniet. "Warten Sie, das hab' ich auch noch geschrieben, eine Art Fragment einer Autobiographie, großkotzig gesagt, und dieser Essay über den Krimi, der muß auch noch irgendwo liegen. Nein, doch hier, und sehen Sie, auch über phantastische Literatur gibt's was von mir, das erste, was ich veröffentlicht hab', war ja eine phantastische Erzählung, aber die, nein, hier hab' ich sie doch ..."

Voller Selbstironie über die eigene plötzliche Hektik kommt Hartmut Mechtel kurz vor Ende des Gesprächs erst richtig auf Touren, stöbert wild in seiner Vergangenheit. Deutlich mehr als andere Schriftsteller scheint er an seinen alten Texten zu hängen. Fast als habe er Angst, daß mit ihnen wirklich etwas verlorengehen könnte. Der berühmte "Teil eines Lebens"? Eines Lebens dann, das Mechtel, fast fünfzig Jahre alt, überhaupt nicht ruhig etabliert, noch immer auf eher provisorische Weise führt.

Nicht absichtlich: Der Erbe eines Hauseigentümers aus der lange vergangenen Zeit vor der DDR hat Mechtel aus seiner Wohnung in Potsdam, wo der Krimiautor 1949 geboren wurde, über eine konsequente Verwahrlosung des Hauses ganz einfach rausgeekelt. Mechtel hat über den Vorgang den lapidaren 24seitigen Text "Chronik einer Vertreibung" verfaßt. Jetzt wohnt der Mitbegründer des legendären freien DDR-Theaters "Zinnober" ohne Wohnberechtigungsschein in einer Seitenstraße in Berlin Mitte. Im einen Zimmer die vielen Bücher, von Dostojewskij bis Arno Schmidt ("aber die Möbel gehören nicht mir"), im einzigen anderen Raum, dem Schlafzimmer, schräg unter dem Hochbett, neben der etwa einen Meter entfernten "Küche", das "Büro": ein Schreibtisch, zuständig für den Autor und das "Theater o.N.", Nachfolger des "Zinnober", von der leicht veränderten alten Gruppe letztes Jahr neu eröffnet. Wieder auf dem Prenzlberg, wo Hartmut Mechtel, in einer eigenen Bearbeitung des "Reineke Fuchs", jetzt zum erstenmal auch als Schauspieler auf der Bühne stand.

In Berlin, wo sich die Menschen der zwei Teile dieses größer gewordenen Deutschlands tatsächlich manchmal zu mischen scheinen, hat bis heute keiner die wundersam friedliche Wende vergessen. Und die enttäuschten Hoffnungen danach. Auch "Der unsichtbare Zweite", 1996 im Hamburger Argument-Verlag erschienen, geht noch vom politischen Wandel aus. Mechtel hat für das Buch den diesjährigen Friedrich-Glauser-Preis erhalten, die angesehenste Auszeichnung für deutschsprachige Krimis. Die zwei Hauptfiguren des Romans sind 1948 in Potsdam geborene, kurz danach von verschiedenen Eltern adoptierte Zwillinge. Einer wächst im Osten auf, der andere im Westen. Um viele erzähltechnische Ecken und Enden herum zeigt Mechtel, daß die Verhältnisse wichtig sind, aber so wichtig nun auch wieder nicht: Der Mann im Westen wird zu einem Ekel erzogen, das im BND dank Ellbogen Erfolg hat. Der Mann im Osten wird hauptberuflich Versager.

Doch als man den schüchternen Ostler, dank der Zeitläufte inzwischen Westler und freier Journalist geworden, Jahre später in einem südfranzösischen Kaff für ein die einheimischen Frauen vernaschendes Scheusal hält, stellt dieser Nachforschungen an, die ihn in immer gefährlichere Gesellschaft bringen. Und siehe: Die neue Umgebung macht den Sanften zur eigenen Überraschung immer härter, er begeht einen Mord. Schließlich kommt der unsichtbare Zwilling ans Licht, von dem im Buch lange niemand weiß: Die beiden begegnen sich selbst.

"Eigentlich kommt unter der Hand heraus", meint Mechtel, "daß die beiden so verschieden nicht sind."

Das klingt fast wie im Märchen, angesichts der derzeitigen Realität des Verhältnisses zwischen Ost und West. "West und Ost", sagt Mechtel, "das hat nichts mehr miteinander zu tun. Am Anfang war da noch eine gewisse Neugierde, aber jetzt haben sich beide Seiten zurückgezogen." Warum, glaubt er, ist das so? "Von den Politikern hören wir ständig, daß wir jetzt die bessere Gesellschaft hätten. Während es doch längst nicht allen besser geht und wir immer deutlicher sehen, daß wieder ähnliche Leute an der Macht sind wie damals im Osten." Die subjektive Ohnmacht des einzelnen empfindet Mechtel als "vergleichbar". Wichtiger aber erscheint ihm die geteilte Erinnerung im vereinigten Land, die je nach Himmelsrichtung so verschiedene Sozialisation.