Seit Ende der siebziger Jahre ist die Geschichte der NS-Medizin intensiv erforscht worden. Wir wissen inzwischen mehr über die Ärzteschaft im "Dritten Reich" als über andere Berufsstände, etwa über Wirtschaftsführer, Techniker oder Lehrer. Der eindrucksvollste deutsche Beitrag zu dieser umfangreichen Literatur stammt von Ernst Klee, dem Historiker, Dokumentarfilmer und Journalisten. Vor allem seine dreibändige Rekonstruktion des sogenannten Euthanasie-Programms ist ein düsterer Klassiker, vergleichbar mit Raul Hilbergs "Die Vernichtung der europäischen Juden". Mit seinem jüngsten Buch ist Klee zu seinem ursprünglichen Interessengebiet zurückgekehrt: Es handelt sich um eine große, umfassend dokumentierte Untersuchung jener Verbrechen, die im Namen der medizinischen Forschung begangen wurden.

Das Archivstudium muß ein besonders deprimierendes Unterfangen gewesen sein, und Klees Engagement und Ausdauer angesichts kaum erträglichen Grauens ist bewundernswert. Sein Werk setzt dem Leser zu, wenn auch niemand mehr ernstlich über die moralische Indifferenz angeblich hochgebildeter Menschen überrascht sein dürfte. Die Personen, mit denen sich der Autor befaßt, besaßen ausnahmslos alle äußeren Attribute akademischer Ehrbarkeit: Doktorate und Lehrstühle, lange Veröffentlichungslisten, Mehrfachmitgliedschaften bei hochgeachteten wissenschaftlichen Institutionen. Aber weder die Anerkennung ihrer Ambitionen noch ihre eigene Kulturbeflissenheit haben auch nur im geringsten Anstand, Sittlichkeit, Rücksichtnahme oder eben auch nur guten Geschmack hervorgebracht. Es fehlten diesen Wissenschaftlern die Merkmale zivilisierter Menschen, die nun einmal nichts mit Karriere zu tun haben oder mit der Fähigkeit, eine Beethoven-Melodie zu klimpern.

Klee verbindet wiederum die Schilderung von Einzelbiographien mit der Dokumentation des archivalischen Materials zu einem überzeugenden Gesamtbild.

Er vermittelt die ganze Bandbreite verbrecherischer medizinischer Forschung und deren enge Verbindung zur Pharmaindustrie, Deutschen Forschungsgemeinschaft, SS und Wehrmacht. Manche der Hauptverbrecher sind aus früheren Darstellungen bereits bekannt. Einige, wie der Däne Carl Vaernet, waren Scharlatane, die sich von der SS sogenannte Kunstdrüsen teuer bezahlen ließen, vermittels deren homosexuellen Opfern große Mengen Testosteron verabreicht wurden, um so ihre Sexualität zu ändern. Zu den schlimmsten Sadisten zählte unter anderen der KZ-Arzt Sigmund Rascher, dessen im Auftrag der Luftwaffe durchgeführte Höhenflug- beziehungsweise Meereswasserexperimente die Gefangenen entweder um ihr Leben oder um Verstand und Gesundheit brachten. Wie Klee zeigt, hatte Rascher zahlreiche passive Komplizen: Nahezu hundert führende Mitglieder der Ärzteschaft diskutierten seinen Forschungsbericht bei einer Tagung in Nürnberg im Jahre 1942.

Neben dem Genetiker Otmar Freiherr von Verschuer findet sich auf der Liste der bekannten Verbrecher auch der Anatom Hermann Stieve, der die Eierstöcke von in Plötzensee hingerichteten Widerstandskämpferinnen untersuchte. Er empfand dabei ebensowenig moralische Skrupel wie seine Bewunderer nach 1945, die es besser hätten wissen müssen. So bemerkte der spätere Präsident der Deutschen Anatomischen Gesellschaft, Benno Romeis, in seinem Nachruf auf Stieve 1953: "Die Leichen, die er in die Anatomie bekam und an denen er seine Untersuchungen ausführte, waren Leichen von Unglücksfällen oder von Menschen, die wegen gemeiner Verbrechen ... von regulären Gerichten zum Tode verurteilt worden waren" - eine seltsame Beschreibung jenes Freislerschen Gerichtshofes, der die Edelsten der deutschen Nation reihenweise hingemordet hatte.

Klee berichtet von kaum beschreibbaren Greueltaten. Der "Oberste Kliniker beim Reichsarzt SS", Karl Gebhardt, war unermüdlich damit beschäftigt, infizierte Glas- und Holzsplitter in die Gliedmaßen von Häftlingen hineinzutreiben, um dadurch Wundfäulnis hervorzurufen. Nebenbei wurden Knochenteile entfernt, wurde mit Explosivprojektilen und gifthaltiger Munition experimentiert oder Petroleum injiziert - letzteres, um eine häufig vorkommende Form der Selbstverstümmelung bei Wehrmachtsangehörigen, die sich dem Zwangsdienst entziehen wollten, zu bekämpfen. Der Tropenmediziner Claus Schilling äußerte später gegenüber seinen Befragern: "Ich gebe zu, daß bei jenen Versuchen Menschen leiden mußten, am meisten unter seelischer Depression. Aber die Interessen der Wissenschaft, Millionen vor dieser Krankheit zu bewahren und zu retten, standen viel höher."

Was er damit meinte, war, daß ein einziges gerettetes deutsches Leben viel höher stand als das jener Hunderter von sogenannten "rassisch Minderwertigen", mit deren Tod es erkauft wurde. Diese Argumentationsweise unterstreicht übrigens ein Manko in Klees sonst ausgezeichnetem Buch: das Fehlen jeglichen ethischen Bezuges. Die bloße Beschreibung von Grausamkeiten ist mittlerweile keine Besonderheit mehr Erklärungen, wie es dazu kam, sind hingegen Mangelware. In Anbetracht des klaren ethischen Bewußtseins, das vor der NS-Zeit existierte, und der Annahme, daß viele der Mediziner nicht von vornherein amoralisch waren, gilt es herauszufinden, warum diese Männer so handelten und wie sie dieses Handeln rechtfertigen zu können glaubten.