Eine Packung Prinzenrolle, ein Autozylinder und die neue Zentrale der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) in Essen haben etwas Grundsätzliches gemeinsam. Ihre Form bietet ein optimales Verhältnis von Inhalt und Oberfläche - viel drin, wenig drum herum. Und das ist aus unterschiedlichen Gründen sehr vorteilhaft: So gibt die Keksrolle dem Kunden das gute Gefühl, keine Mogelpackung zu erhalten. Im Motor sorgt die zylindrische Hohlform dafür, daß sich der Explosionsdruck mit der größten Wirkung auf den Kolben überträgt. Und der Elektrizitätskonzern hat schließlich dank der glatten Säulenform seines neuen Hochhauses die Möglichkeit, den Energieverbrauch klein zu halten. Denn wie aus der Biologie bekannt ist: Wenig Haut um viel Volumen hält warm.

Christoph Ingenhoven, der Architekt der Glassäule, deren kühle Grazie jeder Zugreisende bei der Einfahrt nach Essen bewundern kann, reklamiert allerdings auch die anderen Vorteile der zylindrischen Form für sein Hochhaus: Ehrlichkeit bei der Verpackung, sozusagen die Prinzenrolle in Klarsichtfolie, und ein reibungsloser Kommunikationsmotor sind dem Düsseldorfer Entwerfer ebenso wichtig wie die Anforderungen an ein sogenanntes "ökologisches Hochhaus".

Dieser modische Begriff umreißt die verschiedenen Versuche der vergangenen Jahre, die Vielzahl negativer Aspekte von Hochhäusern mit technischen Lösungen auszuschalten. Die Fenster zu öffnen und einen außen liegenden Sonnenschutz anzubringen verbieten bei bisherigen Hochhausfassaden die Windkräfte. Das führt zum dauernden Gebrauch von Klimaanlagen. Das Fehlen jeder natürlichen Verschattung - meist hilflos kompensiert durch kleine Fenster oder verdunkelte Scheiben - erzwingt unabhängig vom Wetter Tagesarbeit bei elektrischem Licht. Dieses völlige Abgeschottetsein von der Außenwelt führt schließlich zu zwei Arten von Energieverschwendung: Strom und Wärme werden verschleudert, und die Motivation der Angestellten nimmt Schaden. Das auf das unnatürliche Arbeitsklima zurückgehende sick building syndrome ist längst eine akzeptierte Krankheit.

Voraussetzung für Ingenhovens Suche nach einer Revolution im Hochhausbau war allerdings ein Bauherr, der aus Gründen des Prestiges und der Zufriedenheit der Mitarbeiter die teure Entwicklung und Installation neuer Systeme finanziert. Zwar verlangte die RWE beim Wettbewerb für ihre neue Zentrale kein "ökologisches Hochhaus", ließ sich aber sofort von der Idee einer energiesparenden, doppelschaligen Glasfassade überzeugen. Mit dieser neuen Konstruktion lassen sich die Probleme zumindest teilweise lösen, jedenfalls macht sie die direkte Versorgung mit den natürlichen Ressourcen Licht, Luft und Geräusch möglich. Auch im dreißigsten Stock des RWE-Hochhauses dürfen die Fenster geöffnet werden, und der Sonnenschutz zwischen den Scheiben verhindert den Wärmestau in den Räumen. Gemeinsam mit den Betondecken als Kühlmasse hofft Ingenhoven so den Energieverbrauch zu halbieren. Die sanft heraufschallenden Geräusche der Stadt schaffen die (gewollte) akustische Verbindung zur Außenwelt, und keine Brüstung verstellt den Blick hinunter auf die Stadt. Dennoch, eine Klimaanlage macht dieses System noch nicht überflüssig.

Neben einem konstruktiven Bauherrn und der zentralen Lage zählten ausreichend Zeit, um sorgfältig entwerfen zu können, sowie das überschaubare Raumprogramm für 500 Mitarbeiter zu den optimalen Bedingungen, die das Büro hier vorfand.

Gerade die bescheidene Größe ist von großer Bedeutung für das Gelingen des Konzeptes. Denn ein zylinderförmiges Gebäude kann man nicht endlos aufblähen.

Mit größerem Durchmesser würde die tote Kernzone, die man für Büros nicht nutzen kann, überproportional groß. Dann bliebe nur die Flucht nach oben, aber die wäre teuer größere Gebäudeschwankungen im Wind machten eine stärkere Konstruktion notwendig.