Das Hochwasser fällt, die Stimmung bleibt verhangen. Die Opfer der Überschwemmung zappeln im Netz der Bürokratie, die jeden Klienten mit ihren Forderungen nach unzähligen Bescheinigungen mürbe macht. Die Politiker gehen in die Maske, bevor sie harte Bandagen für den Wahlkampf anziehen. Am 21.

September wird das Parlament, der Sejm, neu gewählt.

Sechs Wochen nach der Sintflut und sechs Wochen vor den Wahlen stehen erneut zwei alte Lager gegeneinander. Auf der einen Seite das regierende Bündnis der demokratischen Linken (SLD) mit ihren gelegentlich unbotmäßigen Gefolgsleuten aus der Bauernpartei (PSL), auf der anderen die der früheren Solidarnoc entsprungenen Gruppierungen, die sich 1990 durch Walesas "Krieg an der Spitze" spinnefeind wurden und deshalb 1993 zumeist den Sprung in den Sejm nicht schafften.

Die Hochwasserkatastrophe hat die Regierungs-koalition für kurze Zeit ins Wanken gebracht, aber noch nicht weggeschwemmt. In derselben Woche gibt die eine Meinungsumfrage der SLD, die andere der Wahlaktion Solidarnoc (AWS) einen leichten Vorsprung. "Nur" 48 Prozent der Befragten erteilen der Regierung für ihren Hochwasseraktionismus eine gute oder gar sehr gute Zensur - und das bei einer Nation notorischer Nörgler! Die Schuld an den enormen Schäden (von denen rund eine Million Menschen betroffen sind und die sich nach vorläufigen Schätzungen auf vier Milliarden Dollar belaufen) gibt man in erster Linie den vernachlässigten Deichen, den infernalischen Regengüssen und der schlechten Regulierung der Flüsse. In den Überschwemmungsgebieten schimpft man auf Warschau, lernte aber oft die eigenen lokalen Vertreter schätzen - und kämpft gegen die neuen Plagen des immer noch auf den Feldern stehenden Wassers, gegen Schmutz, Abfall, Ratten und Mückenschwärme. Und man baut wieder auf.

Diejenigen, deren Häuser weggeschwemmt wurden oder abgerissen werden müssen - und das sind Zigtausende -, warten auf die bis Ende September versprochenen Ersatzwohnungen, wenn möglich in einem dieser neuen Häuschen, die im Gespräch sind: kanadische Kunststoffschuppen, schwedische Holzhütten, deutsche Containerbauten oder polnische Häuser aus Gips, Preßspan und den vertrauten Ziegeln. Die meisten Tageszeitungen haben jetzt üppige Baubeilagen und diskutieren eifrig die Vorzüge und Nachteile verschiedener Technologien.

Die Wirtschaftsleute und Politiker sind natürlich gespalten. Der Regierungsbeauftragte für die Beseitigung der Überschwemmungsschäden, Minister Andrzej Pilat, sagt offen, in zwei Jahren werde sich der Bauboom auf das ganze Land ausdehnen, und verweist auf den gemeinsamen deutsch-tschechisch-polnischen Antrag auf EU-Mittel für die längst fällige Oderregulierung. Die Opposition bleibt skeptisch. Leszek Balcerowicz, der Vorsitzende der liberalen Freiheitsunion (UW) und polnischer "Wirtschaftswundertäter" der Jahre 1989 bis 1992, meint, solche Spekulationen folgten der Logik "Mit der Zahl der Taifune steigt der Wohlstand der Völker".

Die Lage in Polen ist widersprüchlich wie eh und je. Während die Wirtschaftsprognosen für die nächsten Jahre ein Wachstum von 5,7 Prozent voraussagen, fehlt es nicht an Kassandrarufen. Ein Oppositionspolitiker will gar eine ganz perfide Strategie entdeckt haben: Die Linken wollten bei den Wahlen die Macht wie einen Schwarzen Peter schleunigst abgeben, da es in einem halben Jahr zum Wirtschaftskrach kommen werde und sie dann in der Opposition groß tönen und ansonsten Däumchen drehen könnten. Blanker Unsinn, sagt daraufhin der energiegeladene Innenminister Leszek Miller, "wir wollen weiterregieren. Mit einem Starken geht fast jeder lieber Arm in Arm."