Aus dem Kassettenrekorder ertönt die Melodie des Beatles-Klassikers "Yellow Submarine", und die zwanzigjährigen Frauen mit den weitgeschnittenen T-Shirts kommen in Fahrt.Sie singen ausgelassen und heben die Stimme zum Refrain: "Hermann Löns, die Heide brennt".Aus Bussen und Taxen werden Schlafsäcke und Isomatten hervorgeknäuelt.Toiletten, Telephonzellen und Würstchenbuden sind umlagert.Die einen suchen nach Getränken, die anderen nach Freunden, und alle vereinen sich in Sprechchören.Die Szenerie zu Beginn des Deutschen Landjugendtages in Braunschweig gleicht einer kondensierten Mischung aus Fußball-Fankurve, Jahrmarkt und Touristenstrand - allerdings mit einer Einschränkung: Das lärmende Chaos wirkt ausgesprochen brav und gesitt et. 1100 "Lajus", Landjugendliche, haben sich angemeldet.Sie werden an diesem Sommerwochenende mit Politikern über Ausbildungsplätze diskutieren, einem langatmigen, aber selbstgebastelten Theaterstück folgen, an Graffiti-Workshops, Fabrikbesichti gungen und Stadtrundgängen teilnehmen - und auf jeden Fall viel, viel Bier vertilgen. Die Landjugend ist die Nachwuchsorganisation des Bauernverbandes, doch nur noch jedes fünfte Mitglied ist Jungbauer.Agrarpolitisches findet allenfalls in der Verbandszeitschrift und in den Ansprachen der Funktionäre statt.Ihre Basis, geschätzte 100 000 Mitglieder, versorgt die Teenager mit drei wirksamen Mitteln gegen Langeweile: Freunden, Zeltlagern und Bildung.Diese schlichte, aber unschlagbare Mixtur wird von allen Jugendverbänden angewendet, von den Pfadfindern, der evangelischen, katholis chen und Feuerwehrjugend, den Falken und den mindestens 250 anderen großen und kleinen Jugendorganisationen in Deutschland.Gemeinsame Ausflüge und Ferien, Rhetorik-, Selbstverteidigungs- und Geschichtsseminare sollen Jugendlichen die natürliche Sche u vor pädagogischen Kennenlernspielchen nehmen und ihnen die Welt schmackhaft machen. Damit leisten Jugendverbände, wozu Familie und Schule nicht in der Lage sind: Sie sorgen für Integration jenseits kommerzieller Freizeitindustrie.Sie geben Jugendlichen eine Chance, die sie im Familienmief, in schulischen Lern- und Konkurrenzbetrieben und dem anschließenden Kampf um Ausbildung und Arbeit selten bekommen: freiwillig Interessen zu entwickeln, auch Interesse an anderen.Jugendverbände bilden ein wenig vom "sozialen Kitt", der überall vermißt wird. Sie bauen Brücken nicht nur zwischen Jugendlichen, sondern auch zwischen Generationen.Jugendverbände sind nett und von nebenan: Sie geben dem Gespenst "Jugend", das sich nach herrschender Meinung vor allem durch Egoismus und Kritikl osigkeit (besserenfalls) sowie Drogenmißbrauch und Kriminalität (schlechterenfalls) auszeichnet, ein sympathisches Gesicht mit Nickelbrille. Doch wo über Lebensgewohnheiten und Probleme der 12- bis 22jährigen spekuliert wird, wo Shell-Studien, Regierungsberichte und Jugend-"Kursbücher" die Gesichter des Nachwuchses und seiner (Sub-)Kulturen zeichnen, tauchen Jugendverbände allenfalls am Rande auf: Sie sind zu normal - so normal, daß noch niemand ihre Mitglieder gezählt hat.Der Bundesjugendring, oberste Verwaltungseinheit der als "Träger der freien Jugendhilfe" anerkannten Verbände, peilt über den Daumen: Fünf Millionen Menschen von 16 bis 25 Jahren würden durch ihn erfaßt.Trendforscher und Verbände sind sich bis heute nicht über den Organisationsgrad der deutschen Jugend einig: Die Schätzungen schwanken zwischen dreißig und sechzig Prozent - Tendenz fallend (siehe "Zahllose J ugend", Seite 12). Warum schlagen sich Jugendliche in ihrer Freizeit Bildungs- und Kulturwochenenden um die Ohren?Die organisierten Achtzehn- und Neunzehnjährigen antworten genau dasselbe wie die Jugendlichen, die jedes Jahr zur Love Parade pilgern: "Weil es einfach Spaß macht."Basta - und in ihren Gesichtern steht der unausgesprochene Wunsch: Laßt uns doch endlich mit euren Fragen in Ruhe.Was in ihnen vorgeht, wollen Jugendliche oft nicht erschöpfend begründen.Sie spucken nicht die Sätze aus, mit denen sich i hre ehrenamtlichen Betreuer einen pädagogischen Heiligenschein über den Kopf dichten könnten. Für den Heiligenschein ist längst gesorgt: Die Verbandszentralen und Jugendringe betonen nimmermüde, daß ihre Ehrenamtlichen verantwortungsbewußt und altruistisch seien, und sind auf sie deshalb besonders stolz.Anders als bei den großen Wohlfahrtsverbänden wie Caritas oder Arbeiterwohlfahrt, in denen ebenso viele Ehrenamtliche wie Hauptamtliche tätig sind, kommen die Jugendverbände ohne ein Heer von professionellen Helfern aus.Das Verhältnis liegt, grob geschätzt, bei 1 : 15 bis 1 : 100.Das Engagement beruht auf Freiwilligkeit und gehorcht, so beteuern die im öffentlichen Dienst würdevoll alternden Geschäftsführer und Pressesprecherinnen, dem Prinzip der jugendlichen Selbstorganisation.Die Jugendverbän de sind in der vergreisenden Republik die stärkste jugendpolitische Lobby: Das kommunale "Wahlalter 16" etwa, das in Schleswig-Holstein und Niedersachsen zum Teil durchgesetzt ist, schreiben sich die Verbände auf ihr Konto. Doch nicht die politische Präsenz ihrer Funktionärskaste, sondern der willensbildende Streueffekt zeichnet die Vereine aus."Jugendverbandsarbeit ist per se progressiv", sagt Martin Nörber, Referent beim Hessischen Jugendring."Immer wenn Jugendliche sich selbst organisieren, ist das eine emanzipatorische Leistung."In dem Augenblick, da ein Teenager sein Jugendzimmer im Schoße der Familie verläßt und sich als gewöhnliches Ortsgruppenmitglied einem Verband anschließt, werden ihm Abstimmungsregeln und Vereinspflichten unter die Nase gerieben.Er lernt Interessenswahrnehmung und Gruppendruck kennen, spricht bisweilen auch vor größerem Publikum und übernimmt Verantwortung für andere, oft Jüngere.Und er gerät, ohne großartig darüber nachzudenken , in ein Stück Demokratie.Wer Lust auf Mitbestimmung hat, muß keine Ochsentour durchstehen."Jugendverbände sind die einzigen Institutionen, denen es noch gelingt, Leute in ihre Gremien zu ziehen und bürgerschaftlich zu organisieren", meint etwa Jens -Peter Jensen, Referent beim Landesjugendring Schleswig-Holstein. Doch wer die Grenze von der Verbandsarbeit zur Politik überschreitet, macht sich auch im eigenen Lager schnell Feinde.So wagt es der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), die Dachorganisation der unzähligen katholischen Verbände, bis heute nicht, eine eigene Meinung zum Thema Schwangerschaftsabbruch vorzutragen, obwohl die Mädchen- und Frauenarbeit des Verbands sehr weit fortgeschritten ist."Wir wollen unser K im Namen nicht verlieren", sagt BDKJ-Sprecher Markus Lahrmann.Aus ganz ande ren Gründen scheuen die Jugendlichen Politik: Die meisten denken dabei an Partei, Doktrin oder etwas anderes Anrüchiges und nicht an ihre eigene Einflußnahme.So wird Gesellschaftliches schnell zur Privatsache. "Natürlich hat hier jeder seine eigene Meinung, aber das hat mit dem Verband nichts zu tun", sagt Carolin Meyer, Pfadfinderin bei den "Weißen Wölfen" des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) in Hamburg-Harburg, des größten Pfadfinderbundes in Norddeutschland.Carolin betreut im Augenblick die Wölflinge, die jüngsten des Stammes, und hat den Nachwuchs in ein Ferienlager am Ratzeburger See begleitet."Ich glaube, es gibt ein Gesetz, wonach wir uns nicht politisch äußer n dürfen", vermutet Carolins 21jähriger Kollege Thomas Meyerhoff. Die Pfadfinderbünde sind neben der Sportjugend und der Jugendfeuerwehr die einzigen Jugendverbände, die noch wachsen.Schätzungsweise 230 000 Pfadfinder sind in 60 Bünden organisiert.Die "Pfadis" haben ein Erfolgsrezept: Kein Kommerz, wenig Technik und alles gemeinsam.Klampfe statt Walkman, Wanderschuhe statt Brikettsohlen, Weißkohl statt McDonald's.An ihrer besonderen Tracht, dem Pfadfinderhemd, haben sie die Abzeichen der Zugehörigkeit angebracht.Ein Pfadfinder wird nie müde, Nichtpfadfinde rn aufzuzählen, welches Symbol zu welcher Sippe, welchem Stamm und welchem Bund gehört.Sogar das Geschlecht der Hemdträger wird auf der linken Schulter markiert: ein Kleeblatt für die Mädchen, eine Lilie für die Jungs."Mit dieser Tracht ist alle We lt freundlich", findet Carolin."Wenn wir auf der Fahrt irgendwo in der Pampa klingeln und Wasser haben wollen, ist das mit diesem Hemd überhaupt kein Problem." Von freiwilligem Verzicht ist häufig die Rede, wenn Pfadfinder erklären, warum sie nicht mit Mama, Papa und der TUI in die Ferien fliegen.Da ist alles schon fertig."Erst, wenn man sich die Dusche selber baut, wenn man ständig improvisieren muß, hat man nachher auch etwas zu erzählen", sagt Marvin Fromhagen, mit vierzehn Jahren der jüngste Wölflingsbetreuer am Ratzeburger See."Man lernt, was man alles nicht braucht", ergänzt Carolin, "diesen Luxus, den jeder hat."Da übernachtet die resolute Sec hzehnjährige doch lieber in Koten und Jurten und versucht, aus den Wölflingen eine ordentliche Sippe zu machen, welche die schwarzen Zelte aus knöpf- und schnürbaren Bahnen ohne fremde Hilfe aufbauen kann. "Wir dürfen keine Bücher und keine Gameboys haben", maulen Christoph, Niels und Sven.Sie wollen einen Cola-Automaten im Zelt, so einen, wie er nebenan steht, wo die Lübecker Feuerwehrjugend kampiert.Dort dröhnt Musik vom Band, aus einem Megaphon schallen Befehle, und die blitzblank gewienerten Feuerwehrbullis werden ständig hin und her gefahren.Die Nachwuchsfeuerwehr, meist männlich und in Uniform, versteht sich auch aufs Balzen: Die jungen Pfadfinderinnen klagen, daß ihnen auf dem Weg z u den Waschräumen ständig Beinchen gestellt werden."Nicht beachten", wird ihnen geraten.Die Wölflinge ärgern sich zwar über ihre unbesinnlichen Nachbarn, geben sich aber tolerant. "Pfadfinder sind sozialer", sagt Marvin."Beim Wandern drehen wir uns nach dem anderen um und vergewissern uns, ob der überhaupt noch da ist." Auch Menschen mit Sozialgeist, die sich nicht alles bezahlen lassen, kosten Geld.Ferien- und Wochenendfreizeiten von Jugendverbänden werden meist kommunal, manchmal auch aus Landes-, Bundes- oder EU-Mitteln gefördert.Doch im Wettbewerb mit den öffentlichen Anbietern von Mädchen-Selbstverteidigungskursen, deutsch-polnischen Jugendlagern und Wochenendseminaren zum sozialen Europa schneiden die Jugendverbände als "freie" Anbieter finanziell schlecht ab."Die Jugendverbände machen gewalti ge Arbeit und kriegen nur Peanuts", urteilt Martin Nörber vom Hessischen Jugendring. Hinter diesen Klagen steckt ein Dilemma, das die Verbände in ihrem Kampf gegen schwindende Popularität selber heraufbeschworen haben: Um mehr Mitglieder zu gewinnen, braucht man mehr Ehrenamtliche, und für mehr Ehrenamtliche braucht man eine Aufwertung des Ehrenamts, argumentieren die Vereine.Keine der unzähligen Verbandszeitschriften versäumt, dieses Thema ständig aufzugreifen.Aber was tun, um mehr Anerkennung für die Gratisbändigung von Kindergruppen, für die Ausrichtung eines kostenlosen Sportfestes und die gewaltige Organisationsarbeit zu gewinnen?Die Verwaltungen müssen entrümpelt, Projektgelder schneller bewilligt und die Freistellungen vom Beruf reibungsloser geregelt werden.Der Bundesjugendring will die Aktiv en mit einer "Jugendleiter-Card" belohnen, einer Plastikkarte mit Magnetstreifen, die ihnen Vergünstigungen im öffentlichen Nahverkehr und in Kulturveranstaltungen garantiert. Ehrenamtliche wünschen sich auch mehr Lob von Würdenträgern.Wenn Bundesjugendministerin Claudia Nolte vorbeischaut, ist das dem BDKJ-Journal viel Text und viele Photos wert, auch wenn sich die katholische Jugend längst vom CDU-Kurs verabschiedet hat."Die Leute wollen das Schulterklopfen von Süssmuth, von Kinkel und auch von Joschka Fischer", meint Jens-Peter Jensen vom Landesjugendring Schleswig-Holstein.Der stille Wunsch nach Anerkennung für Mühe und Märtyrertum wird stärker als die kri tische Distanz zur Macht. Aber nur als "alltägliche Kontrastruktur zum Regelsystem von Markt und Macht" hätten die Jugendverbände eine Zukunft, meint der Paderborner Soziologe Arno Klönne.Jugendverbände könnten beweisen, daß sie dem Weg des Kapitalismus zur Monetarisierung und Individualisierung etwas entgegenzusetzen hätten. Vorausgesetzt, sie verfallen nicht in dieselbe Karnickelstarre wie andere traditionsreiche Institutionen, sondern bedienen sich ihrer wichtigsten Ressource: der Jugend.Das ununterbrochene Diskutieren über das soziale Ehrenamt paßt Klönne gar nicht, denn dabei werde Bestätigung von der falschen Seite eingefordert."Ehrenamt, der ganze Begriff ist hochproblematisch. Jugendliche, die keß sind, wollen doch weder ein Amt noch staatliche Ehre." Zwar sollten engagierte Jugendliche Hilfe vom Staat bekommen, ihnen müßten beispielsweise Räume zur Verfügung gestellt werden."Aber es wäre sicherlich einmal spannend, zu beobachten, was passiert, wenn den Jugendverbänden die institutionelle Förderung genommen wird.Sicherlich würden sie ein unglaubliches Potential zur Selbsthilfe entwickeln", meint Klönne.Das Problem der Verbände liege ganz woanders: "Die haben den Anschluß verpaßt." Die Jugendverbandsszene, so Klönne, habe die Bindung an die "spontanen Jugendkulturen" verloren.Deshalb unterscheide sich das Layout der meisten Verbandszeitschriften kaum von dem des Bundesanzeigers und ihr Tonfall nicht von dem eines Taubenzüchterblatts.Die Atmosphäre in den Büros der hauptamtlichen Betreuer und der Landesjugendringe wirkt verschlafen.Die Musikszenen und ihre Stile, Techno zum Beispiel, haben bei den Jugendverbänden keinen Ort gefunden."Dabei haben die Musikkulturen einen sehr starken Willen zur Abgrenzung", sagt Klönne."Da sitzt doch mehr Energie hinter als etwa bei den Falken." Die Musik- und Subkulturen, in deren Riten und Gebräuche Jugendliche Kraft und Zeit investieren, sind nicht nur zeitgeistige Marotte und vergängliche Kommerzmode, sondern bieten den Jugendlichen ebenso ein Zuhause, nicht anders als die Verbände.Aber bleiben Jugendliche ihrem Lieblingsclub und ihrer Lieblingsband länger treu als ihrer DLRG-Ortsgruppe?Das Versprechen von Emphase, Wahrhaftigkeit und Zugehörigkeit finden Teenager zwar kaum in den Aufsätzen der Verbandsfunktionäre und den Aktenordner n des Landesjugendrings als vielmehr in ihrer Musikszene, sei sie bunthaarig oder schwarz gekleidet, bauchfrei oder ziegenbärtig.Eingelöst wird es aber immer noch in der vertrauten Gruppe - und hier müssen sich Musikkult und Pfadfinderromatik überhau pt nicht ausschließen.Dennoch glaubt Klönne, daß die Verbände endlich der popkulturellen Entwicklung Rechnung zu tragen haben."Nicht zuletzt haben die Jugendbewegungen auch historisch in den Verbänden Ausdruck gefunden." Synonym für die Zwillingsgeburt von Jugendbewegungen und -verbänden ist der Wandervogel, der kurz vor der Jahrhundertwende aufbrach, die blaue Blume zu suchen, und den Mythos der Jugend fand: Die Verbindung von Jugend und Natur, Energie, Freiheit, Eigenwilligkeit und Zukunft ist seither deutsches Kulturgut und bemerkenswert unangefochten.Zunächst beunruhigt von den wild gewordenen Schülern und Studenten, beschloß die preußische Regierung schon 1911, die bürgerlichen Jugendverbände finanziell zu unterstützen, um der ebenfalls aufstrebenden Arbeiterjugendbewegung die Klientel abspenstig zu machen. Weil der Staat schon so früh regulierte, finanzierte und sich in die Erziehung des Nachwuchses zwischen Volksschule und Heeresdienst einmischte, wurden die Jugendverbände von einem Historiker als "ein Kind von Mutter Jugendbewegung und Vater Staat" bezeichnet.Erst in den sechziger Jahren haben die Jugendverbände einen weiteren Paten gefunden: die neuen sozialen Bewegungen.Die Emanzipation der Mädchen und Frauen - bis dahin bestenfalls Jugendbewegte und Verbandsmitglieder zweiter Klasse - rückt e in fast allen Verbänden auf die Agenda.Wo sich in den fünfziger Jahren die Verbände noch Mitglieder streitig machten, als katholische Pfarrer von den Kanzeln herab gegen die "koedukativen", also gemischtgeschlechtlichen Zeltlager der "Falken" pred igten, da machten nun Sozialisten mit Christen gemeinsam "Dritte-Welt-Arbeit".Seit 68 muß um die zarten Seelen nicht mehr so plump gestritten werden.Das verbietet der Eigenwille des Nachwuchses, der sich ganz allein und selbstentschieden anschließen will, wo er will, wenn er denn will. Allerdings richtet sich der Wille noch heute nach Traditionen und zuallererst nach dem Milieu: Die größten Chancen haben Jugendverbände dort, wo noch sozial homogen zusammengewohnt wird.Denn "Jugendverbände orientieren sich am Wohnbereich", beobachtet Heinrich Eppe, Archivar der Arbeiterjugendbewegung. Auf dem Land sind die Konfessionellen und die Landjugend dafür zuständig, Heranwachsenden die kurzzeitige Flucht aus dem Dorf zu ermöglichen.In den wohlhabenden Vor- und Kleinstädten ist nach wie vor der Privatismus zu Haus, und Jugendverbände bleiben oft chancenlos: Sie stören den Familienfrieden.Wo kommerzielle Freizeitangebote und unterschiedliche Lebensformen am stärksten sind, in den Metropolen, haben nur noch wenige Verbände Zulauf.Vor allem Sportvereine stehen hoch im Kurs.Ihn en gelingt dort, was kaum eine deutsche Institution von sich behaupten kann: die Integration Jugendlicher ohne deutschen Paß.Dagegen sind viele Jugendverbände deutsche Organisationen geblieben - je pädagogisch ambitionierter, desto deutscher. Den besten Boden für einen Jugendverband bieten das Ruhrgebiet und Köln."Das Ruhrgebiet ist ein großes Dorf", sagt der Historiker Heinrich Eppe.Die Region zwischen Ruhr und Emscher ist die einzige in Deutschland, in der sich das Milieu der alten Arbeiterquartiere erhalten hat.Freizeit wird gemeinsam mit sozial Gleichgestellten organisiert: in der Schreberjugend, der Solidaritätsjugend und in Eppes eigenem Verband, den Falken.Doch auch die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken e rlebt das Siechtum ihrer Milieus, das Soziologen schon vor Jahrzehnten vorhersagten.Unter dem Sterben der Milieus leiden die Falken besonders stark.Schließlich steht auf ihrem Programm nicht nur ein wenig Individuum mit einer Portion heile Welt - wie bei den politisch anspruchsloseren Verbänden -, sondern auch die Befreiung der gesamten Menschheit, zuallererst der Arbeiterschaft. Erst ist die arbeitende Klasse, dann ihr Milieu und zum Schluß das politische Bewußtsein ihres Subjekts ins Wanken geraten.Denn, so stellte der 1994 gestorbene Falken-Bundessekretär Wolfram Dutton fest: Identität ist heute nicht mehr widerspruchsfrei zu konstruieren.Sie reicht nicht mehr "von der Wiege bis zur Bahre, vom Wahlverhalten bis zum Gesellenverein, vom Landfunk bis zum Schmorbraten" - und eben auch nicht mehr von Papas Blaumann und Mamas SPD-Parteibuch bis zum sozialistischen Zeltlager . Moderne Falken, die nach wie vor die Welt verbessern wollen, haben deshalb ein großes Problem: "Ich frage mich manchmal, warum bei uns keiner ist, dem es so richtig schlechtgeht.Bei uns sind ja auch keine Ausländer.Die ganzen Sachen, gegen die wir kämpfen, erfahren wir gar nicht persönlich", sagt die neunzehnjährige Fe Jobs, die bei den Falken in Köln organisiert ist.Zur Sozialistischen Jugend ist sie gegangen, um "überhaupt etwas zu tun", denn darin sind sich alle einig: "Man muß mit vielen Leuten gemeinsam reagieren können, wenn was ist", sagt ihr Mitstreiter Stefan Meibert.In diesem Jahr, das bei den Falken unter dem Motto "Sozialabbau" steht, kleben die Jugendlichen in der Kölner Innenstadt Plakate, um die Öffentlichkeit aufzurütt eln. Fe und Stefan tragen ihre Abzeichen mit dem stilisierten Raubvogel nicht mehr auf dem kobaltblauen Arbeiterhemd, sondern auf dem Kapuzenpulli und wirken auch sonst ziemlich zeitgemäß.Energisch weisen sie jede Nähe zur SPD weit von sich.Über die Wirkung ihres Engagements, ihre Beweggründe und ihre Position in der Gesellschaft haben sie lebhaft diskutiert.Und wo die rationalen Argumente nicht ausreichen, werden Empfindungen zur schärfsten Waffe gegen die Konvention: "Ich fühle mich einfa ch nicht angepaßt", erwidert Stefan Meibert, wenn er gefragt wird, ob ihn sein Verband zur Staatstreue erziehe. Weil sie so moralisch und gymnasial sind, Marx noch nie am Stück gelesen haben und auch sonst viel Wert auf Freizeitvergnügen legen, werden Leute wie Fe und Stefan von ihrem Kölner Vorsitzenden, der sowohl sein Falken-Hemd wie sein Falken-Halstuch noch mit Stolz trägt, "Sozial-HipHopper" genannt.Die Sozialwissenschaft würde sie eher "Postmaterialisten" taufen: Mittelstandskinder, in deren Leben die Existenz- und Statussicherung nicht im Vordergrund steht, machen den Löwenanteil der "politisc hen" Verbände aus.Sie treten ein schweres Erbe an.Sie sollen die Erziehungsziele aus neunzig Jahren Arbeiterjugendbewegung hochhalten, die ihnen konservative Politiker und Wirtschaftler längst entwendet und wie eine Socke von links auf rechts gestü lpt haben: Antifaschismus, der in einer nationalen Gedenkmaschinerie aufgegangen ist, Internationalismus, der heute als internationaler Konkurrenzkampf gilt, und Ökologie, die mittlerweile auch BMW-Fahrer für sich reklamieren, wenn ihr Sechszylinde r einen Katalysator hat. Mit hochtrabenden Idealvorstellungen, die sich in verdünnter Form auch bei den Pfadfinderringen, den christlichen Verbänden und der dahinvegetierenden Gewerkschaftsjugend finden lassen, kommen die Verbände nicht voran.Erst recht nicht dort, wo die Identitäten und Milieus der Bevölkerung so gründlich durchgeschüttelt wurden, daß jede Form der Zugehörigkeit suspekt erscheint: in Ostdeutschland.Bis 1989 war dort die Freie Deutsche Jugend (FDJ) der einzige Jugendverband, die Mitgliedschaft war " freimüssig": Wer nicht wollte, hatte Nachteile in der Karriere zu befürchten.Nach dem Ende der FDJ als Staatsjugendverband wird heute nur noch von der Existenz einzelner Ortsgrüppchen berichtet, die ihren Namen nicht mehr in Versalien schreiben. Viele ehemalige Mitglieder geben an, daß sie zu DDR-Zeiten gar nicht aus Gründen der Gesinnung oder Opportunität in die FDJ eingetreten seien - sie hätten schlicht Geselligkeit gesucht. Nach der Wende im Osten war es auch mit diesem Bedürfnis nach Vereinsleben vorbei."Die Jugendverbände haben im Osten kein Bein an den Boden bekommen. Organisierte Jugendliche müssen Sie hier mit dem Schmetterlingsnetz einfangen", sagt Thomas Gericke vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in Leipzig.Schon im neunten Bundesjugendbericht von 1994 fällte das DJI das deprimierende Urteil: "Die klassische Jugendverbandsarbeit in Jugendgruppen findet bei ostdeutschen Jugendlichen nur geringe Akzeptanz."Selbst dort, wo junge Leute bereitwillig einem Verband beigetreten seien, hätte Personal-, Raum- und Sachmittelmangel schnell zu Enttäuschungen und Aus tritten geführt. Die Sportjugend Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise hat von ihrer Gründung im Jahr 1990 bis Ende 1992 die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Die trostlose Situation kann die Vertreter der Landesjugendringe jedoch nicht beunruhigen.Die Funktionäre verbreiten Optimismus und Erfolgsmeldungen: 320 000 Mitgliedschaften hat der Kinder- und Jugendring Sachsen gezählt."Wo es nicht in erster Linie um Weltanschauung geht, haben die Westverbände auch im Osten Erfolg", meint Peter Becker, Geschäftsführer des Kinder- und Jugendrings Sachsen.Das Deutsche Jugendrotkreuz, der Alpenverein, die DLRG und auch die Jugendfeuerwehr würden immer beliebter, zumal sie Ausrüstungen und Jugendhäuser bereits vorgefunden hätten.Hart traf es dagegen die konfessionellen Verbände."Eigentlich hätten die zur Wende einen Vorsprung haben müssen", sagt Becker, "aber irgendwie wurden die Kirchen ab 1990 ja nicht meh r gebraucht." Im Osten, glaubt Jugendforscher Thomas Gericke, müsse jedes Angebot auf die fehlenden Arbeits- und Ausbildungsplätze zugeschnitten sein.Und die Jugendverbände dürften nicht auf Institutionen setzen, denn "die Menschen hegen Mißtrauen gegen jede Art von Mitgliedschaft".Sein Paderborner Kollege Klönne fürchtet, daß die Verbände die Kategorie Arbeit vergessen, wenn sie sich beim Veranstalten immer neuer Sportfeste und Diskospektakel erschöpfen: "Die Verbände müssen die Jugendlichen besser auf die moderne Arbeits- und Wirtschaftswelt vorbereiten." Der Kieler Landesjugendring-Referent Jensen denkt über "interessante Kombinationen von Haupt- und Ehrenamtlichkeit" nach, um Arbeitslose oder ABM-Kräfte zu beschäftigen.Die Jugendringe sind angesichts der Beschäftigungsmisere gezwungen, auf die sogenannte "offene" Jugendarbeit zu setzen, heißt es im letzten Jugendbericht.Längerfristige Bindungen sind von den Jugendlichen nicht mehr zu erwarten.Vielmehr soll ein ständiges Angebot an Räumen, Sport und Spiel aufgebaut werden.Vielleicht, s o vermuten die Autoren des Berichts, werde "in den neuen Bundesländern eine Entwicklung vorweggenommen, die auch in den alten Bundesländern eintreten wird": weg vom Vereinsleben, hin zur Sozialarbeit.Was nichts anderes wäre als ein Rückschritt u m rund 150 Jahre zu den Anfängen der Jugendverbände.Mitte des 19.Jahrhunderts waren es die katholische Kolpingbewegung und evangelische Vereine wie der Bund der evangelischen Jünglinge, die junge Männer aus dem entwurzelten Kleinhandwerker- und Landarbeitermilieu aufzufangen versuchten: Einige von ihnen hatten keine Arbeit, die meisten kein Zuhause.Sie sollten "öffentlich erzogen" werden, bevor sie auf revolutionäre, kriminelle oder andere dumme Gedanken kamen.