Wenn das Auswärtige Amt in Bonn seine Hinweise für ein Urlaubsland fortlaufend aktualisiert, gar einen Krisenstab einrichtet, dann ist das ein untrügliches Warnsignal. Dramatisch verschlechterte Sicherheitslage. Nach Einbruch der Dunkelheit Innenstädte nicht mehr betreten. Überlandstraßen meiden. Höchste Vorsicht geboten. So lauten seit Anfang dieser Woche die Verhaltenstips für Bürger, die Tickets nach Kenia gebucht haben - wie jährlich etwa hunderttausend Deutsche. Wer bereits dort weilt, wird die amtlichen Warnungen bestätigen können. Durch die Hafenstadt Mombasa zogen marodierende Horden. Tage später gingen in der Touristenhochburg Malindi zahlreiche Souvenirläden in Flammen auf. Seit dem Ausbruch der Unruhen am 13.

August sind mehr als dreißig Menschen getötet worden.

Auch in der Hauptstadt Nairobi herrscht Aufruhr. Seit Wochen wollen die Meldungen von Massenprotesten und Straßenschlachten nicht mehr abreißen.

Jahrzehntelang wurde Kenia als Insel des Friedens und Ferienparadies in den Tropen gepriesen: ein Musterland auf dem krisengeplagten Kontinent Afrika.

Jetzt droht Kenia zu explodieren, und die Frage lautet, wie es so weit kommen konnte.

Verantwortlich dafür ist die herrschende Klasse. Sie ist auf bestem Wege, das Land in den Ruin zu wirtschaften. Kenia nimmt heute eine Spitzenposition in der Weltliga der korrupten Staaten ein. Das einzige Streben der parasitären Elite, die sich unter dem Dach der allmächtigen Partei Kanu (Kenya African National Union) versammelt hat, gilt der Bewahrung ihrer Pfründen und Privilegien. Weil sie sich weigert, überfällige Reformen einzuleiten, wächst der Widerstand. Die Opposition fordert, daß Kenia endlich das wird, was es laut Verfassung sein sollte: eine echte Demokratie. Die Machthaber, angeführt von Präsident Daniel arap Moi, reagieren mit staatlichem Terror. Kritiker, die sie nicht kaufen oder mundtot machen können, landen im Gefängnis. Seit Jahren weisen Berichte von amnesty international Kenia als Folterstaat aus.

Die Verantwortlichen wiegeln ab. "Es handelt sich um Vandalismus, wir können kein politisches Motiv erkennen", meint Francis Gichuki, der regionale Polizeichef, zum Aufruhr in Mombasa - als handele es sich bloß um das Treiben einiger Krimineller. Gichuki scheint die Flugzettel, die in den verwüsteten Vierteln auftauchten, nicht gelesen zu haben. Darin wird unverblümt aufgerufen, Zuwanderer aus anderen Landesteilen und Volksgruppen zu vertreiben: "Für uns Einheimische ist die Zeit gekommen, unsere Rechte einzufordern. Wir müssen die Invasoren von unserem Land entfernen." Ist es ein Zufall, daß die Mehrzahl der Todesopfer nicht aus der Küstenregion stammt?