Das Schlimmste ist nicht vorüber, es beginnt gerade erst. Zum zweitenmal, seit das Hochwasser zurückgegangen ist, fährt das Rentnerehepaar Gutsche (Name geändert) am Donnerstag vormittag vergangener Woche in sein Haus in Aurith. Das kleine Dorf in der Ziltendorfer Niederung stand komplett unter Wasser. Einmal während dieser Zeit kam Erna Gutsche mit ihren zwei Enkeln per Boot hierher. Bis zur Brust habe sie "in der braunen Brühe" in ihrem Haus gestanden und mit den Tränen gekämpft, erzählt sie. Doch der Anblick jetzt, da das Ausmaß der Ver wüstung offenbar geworden ist, sei viel schwerer zu verkraften.

Im ganzen Haus müffelt es nach Moder. Die aufgequollenen Tapeten im Erdgeschoß lösen sich von den Wänden, auch der Putz darunter bröckelt, die Bodendielen wellen sich. In den Schubladen der Einbauküche umspült braunes Wasser das Besteck. Die "Auslegware" hat das Ehepaar bereits herausgerissen und in den Vorgarten geworfen, ebenso die verschimmelten Möbel und das Geschirr.

Doch was heißt Vorgarten? Die Reste der verwesenden, stinkenden Pflanzen lassen nur erahnen, daß sich hier einmal eine Blütenpracht entfaltet haben muß. Wie das ganze Dorf - die Straßen und Wiesen, die Gemüse- und Ziergärten - ist auch das Grundstück der Gutsches jetzt mit einer einheitlichen grau-braunen Masse überzogen. Nirgendwo ist mehr ein Fleck Farbe zu sehen.

Außerhalb der Dörfer ist die Ziltendorfer Niederung immer noch fast vollständig überflutet. Das sich erwärmende Brackwasser, die übergelaufenen Fäkaliengruben und die verrottenden Pflanzen erzeugen einen beißenden Fäulnisgestank, der die Luft über dem ganzen Gebiet erfüllt. Und nach wie vor strömt Wasser nach: Bislang ist es Technischem Hilfswerk und Bundeswehr nicht gelungen, das Loch im Deich südlich von Aurith zu flicken. Zu stark ist die Strömung, mit der das Hochwasser die Niederung durchquert, ehe es bei Brieskow-Finkenheerd, wo der Deich ebenfalls gebrochen ist, wieder zurück in die Oder läuft.

Wann die Gutsches ihr Haus wieder beziehen können, ist ungewisser denn je.

Vergangenen Freitag, einen Tag nach ihrem jüngsten Besuch, sackte die auf einem Damm verlaufende Straße zwischen Ziltendorf und Aurith weg, die einzige Verbindung in das Dorf. Das unablässig hereinschießende Oderwasser hat sie unterspült. So müssen die Eheleute wohl noch länger in ihrer Notunterkunft in Eisenhüttenstadt ausharren. Der 91jährige Vater von Paul Gutsche, der mit im Haus lebte, soll ohnehin so lange wie möglich bei seiner Tochter in Frankfurt bleiben. "Dem Opa", sagt Frau Gutsche, "dem dürfen wir das hier nicht zeigen.

Det überlebt der nich'."