In einem seiner letzten Domizile, die Andrew Cunanan, der mutmaßliche Mörder des Modeschöpfers Gianni Versace, bewohnt hatte, bevor er Selbstmord beging, in einem Hotelzimmer in Miami Beach, fand die Polizei ein Exemplar des Romans "About Schmidt" von Louis Begley. Auch Mörder lesen, und manchmal sogar gute Bücher.

Aus dem seltsamen Umstand, daß Cunanan das Buch ordnungsgemäß aus einer Leihbücherei geliehen hatte, kann man schließen, daß er just Begley lesen wollte - einen geschenkten Band nimmt man nicht unbedingt zur Hand. Der 1933 in Polen geborene New Yorker Anwalt Louis Begley hat es mit seinen Romanen "Lügen in Zeiten des Krieges", "Wie Max es sah" und "Der Mann, der zu spät kam" in kurzer Zeit zu hohem literarischem Ansehen gebracht. Aber sein Name steht nicht auf den Bestsellerlisten, und in den amerikanischen Medien spielt Begley kaum eine Rolle, abgesehen von den Literaturblättern seriöser Zeitungen.

War der Mörder Abonnent der New York Times Book Review? Und warum las er ausgerechnet diesen Roman? Als die Merkwürdigkeit bekannt wurde, gaben sich Radio- und Fernsehreporter in Begleys Haus in Bridgehampton/Long Island die Klinke in die Hand. Begley hat darüber im New Yorker eine Glosse geschrieben: "Der Mörder, der mich las" ("The Killer Who Read Me"). Auch so kommt man zum Ruhm. Versaces Mörder liest "Schmidt" (so der noch kürzere deutsche Titel) - stehen da vielleicht Sachen drin, die einen "male prostitute" (New York Times) zum Morden bringen könnten?

Sie stehen nicht drin. Albert Schmidt ist weder homosexuell noch ein Modefuzzi, er lebt nicht in Florida, sondern in Bridgehampton. Der 61 Jahre alte Sozius einer New Yorker Kanzlei hat sich vorzeitig zurückgezogen, ist ziemlich wohlhabend, Besitzer eines Saab Cabrio und eines komfortablen Hauses mit Pool. Der Gedanke, jemanden zu ermorden, wäre ihm ziemlich fremd. Eher schon fürchtet er, selber ermordet zu werden, von jenem ekelhaften Penner zum Beispiel, der ihm aus dunklen Gründen auflauert. Und der Gedanke an Selbstmord überfällt ihn manchmal, wenn er am Strand spazierengeht. Dann stellt er sich vor, hinauszuschwimmen und sich von den Wellen des Atlantiks hinabziehen zu lassen. Aber er tut es nicht, er ist ein disziplinierter, beherrschter Mann.

Schmidt ist nicht glücklich. Schon auf der ersten Seite erfahren wir alles, was diese seltsam spannende und seltsam ereignislose Geschichte ausmacht.

"Schmidts Frau war kaum sechs Monate tot, da eröffnete ihm sein einziges Kind Charlotte, sie werde heiraten." Er sitzt beim Frühstück, liest die Times und entdeckt, daß die Kurse seiner Wertpapiere gefallen sind. "Er legte die Zeitung beiseite, sah seine Tochter an - so groß und schmerzhaft begehrenswert kam sie ihm vor, wie sie in ihrem durchgeschwitzten Jogginganzug vor ihm stand -, sagte: Das freut mich für dich, wann soll es denn sein? und fing an zu weinen."

Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß Schmidt wegen der marginalen finanziellen Verluste weint. Aber die Verbindung von Geld und Gefühl ist ein Merkmal seiner Klasse und seines Daseins. Die umständlichen steuerrechtlichen Transaktionen im Zusammenhang mit der bevorstehenden Hochzeit - es geht um Immobilien und Erbschaftsregelungen - schildert Begley peinlich genau, und peinlich ist das nicht nur, weil sich der Leser zunächst fragt, wozu er das wissen soll, sondern auch und vor allem, weil sich darin der Modus des Umgangs ausdrückt. Die Menschen in diesem Buch definieren sich durch Besitz und Karriere.