Darüber, was vor vierzig Jahren, am 5. September 1957, in New York geschah, sind wir so genau informiert, als hätte das FBI die Vorgänge beobachtet. Kurz nach Mitternacht trat Jack Kerouac, 35, ein gescheiterter Seemann und Student und Dichter fast ohne Werk, an einen Zeitungsstand an der Ecke Broadway und 66. Straße West, um die erste Frühausgabe der New York Times zu kaufen. Auf Seite 27 fand er eine enthusiastische Besprechung seines soeben erschienenen Buches "On the Road". So, wie Hemingways "Fiesta" als Testament der Lost Generation der zwanziger Jahre gelte, schrieb der Kritiker Gilbert Millstein, "so scheint es sicher, daß ,On the Road' als Testament der Beat Generation bekannt werden wird." Nach kurzem Schlaf wurde Kerouac von seinem Lektor geweckt, der ihm eine Kiste Champagner vorbeibrachte. Bis Mittag soll der durch seine literarischen Fehlstarts längst verbitterte Fuseltrinker drei Flaschen geleert haben.

In den folgenden Monaten hat Kerouac die Insignien des plötzlichen Erfolgs zugleich genossen und als Alptraum erlebt. Als sein Buch, das seit Jahren schon mehrmals nicht erschienen war, endlich veröffentlicht war, wurde es sofort zur Wasserscheide der Beat Generation, trennte ein Vorher von einem Nachher. "On the Road" - das war der von romantischer Gier angetriebene Bericht von mehreren transamerikanischen Reisen, unternommen gemeinsam mit Neal Cassady, der in Kerouacs Augen ein "Prophet" und "Heiliger" des Außenseitertums war, profaneren Blicken aber eher als Angeber, Autodieb und sexbesessener Soziopath erschien.

In dem Buch standen Sätze, die sich vorzüglich als Handlungsanleitungen für Ausbrüche aus den dumpfen Fifties eigneten. "Das Leben ist heilig, und jeder Augenblick ist wertvoll." Oder: "Jeder Muskel zuckte, um zu leben und loszustürmen." Im Jahre 1951, als diese Sätze empfunden und geschrieben wurden, holte man sich die sensorischen Kicks noch von den nervösen Soli des Bebop Jazz, 1957, als sie nun begeistert gelesen und nachempfunden wurden, war längst der Rock 'n' Roll die dominante Begleitmusik der kleinen Fluchten.

"On the Road" ist ein Modellfall für die strukturelle Ungleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit, mit der Kunst vor allem dann, wenn sie mit dem Treibstoff der Unmittelbarkeit gezündet werden soll, in der Arena des Kulturbetriebs zu rechnen hat. Der Text selbst war bereits zeitversetzte Plötzlichkeit. Ein paar Jahre nach den ersten Überlandtrips mit Neal Cassady verdichtete und überhöhte Jack Kerouac im April 1951 das Erlebte in einem rauschhaften Schreibvorgang. Mit nur wenigen Unterbrechungen tippte er wie in Trance und mit Hilfe von Benzedrin den Text rasend schnell auf eine einzige aneinandergeklebte Papierrolle. Wie wir aus den Sagen des modernen Altertums wissen, hat Speedy Jack in diesen legendären drei Wochen nicht weniger als ein Dutzend T-Shirts pro Tag verschwitzt. Die Endlosrolle seines Prosastroms erschien ihm, als sie auf dem Fußboden lag, "wie eine Landstraße".

Der rasenden Eruption folgte die jahrelange Suche nach einem Verlag, also ein frustrierender Stillstand. Als das Buch 1957 endlich - und was die Wirkungsdramaturgie angeht, wohl gerade richtig - erschien, reagierten die Leser begeistert auf die Rhythmik der Bewegung und imaginierten den T-Shirt-Helden Kerouac als Jungen Wilden und unbändigen Rebellen à la James Dean und Marlon Brando. Doch der reale Kerouac der späten Fifties war ein körperlich und psychisch ramponierter Mann mit zunehmender Schreibunlust und ängstlichem Rückkehr-Impuls in die triste Idylle im Haus seiner Mutter, wo er sich letztlich zu Tode trank.

Zwar sah ein Literaturkritiker wie Norman Podhoretz in der Revolte der Beat-Desperados nichts weiter als eine "Rebellion von geistig Unterprivilegierten und seelischen Krüppeln" aber wie schnell und tief diese Rebellion in Amerikas Herzzone vordrang, läßt sich daran ablesen, daß J.

Edgar Hoover 1960 die unmoralischen Umtriebe der Beat Generation den antiamerikanischen Umtrieben der Kommunisten gleichsetzte. Dreifach sei Amerika bedroht, wetterte der FBI-Chef in seiner Rede vor dem Parteikonvent der Republikaner, nämlich durch die Kommunisten, die Beatniks und die intellektuellen Eierköpfe.