BERLIN. - Nachdenken über die deutsche Vereinigung in der Schweiz, an einem noblen Ort. In Verbier, einer sprichwörtlich schönen Landschaft oberhalb des Genfer Sees. Nachdenken auf einem sommerlichen Treffen. Warum nicht? Mitunter helfen ja Distanz und Höhe, Klarsicht in der Nähe zu erringen. Voller Neugierde suchte man deshalb in Berichten über die Veranstaltung nach neuen Erkenntnissen in Sachen Vereinigung und Kultur, zumal die beiden anwesenden Künstler, Christa Wolf und Kurt Masur, solche Debatten sonst eher scheuen. Es gibt einiges zu sagen, denn schließlich ist die Vereinigung ja noch in vollem Gange.

Mit Respekt vor historischen Aussagen erfährt man, daß Christa Wolf eine knappe Zusammenfassung der Ereignisse von 1989 noch für unmöglich hält. Solch geschichtliche Bescheidenheit kommt Weisheit nahe. Dann aber wird der Bescheidenheit des eigenen Urteils der Garaus gemacht, indem der Verlauf der deutschen Vereinigung in den weltgeschichtlichen Kontext der Französischen Revolution gestellt wird: Der Slogan "Wir sind das Volk", so wird die Schriftstellerin zitiert, wurde nur durch westliche Manipulationen allmählich in den Ruf "Wir sind ein Volk" verwandelt. "Aus den Idealen der Französischen Revolution wurde so unversehens die kaum reflektierte Idee der Wiedervereinigung." Nach diesem Salto mortale durch die Weltgeschichte zum Zeitgeschehen bleibt auch für Christa Wolf nur noch die lakonische Frage: "Wer hält an Idealen fest, wenn es ums bloße Überleben geht?"

Logischerweise geht es dann in Verbier auch mit Überlebensfragen weiter, indem der Wegfall von Polikliniken als schmerzlicher Verlust wahrgenommen wird. Bleibt die Frage: Den Wegfall welcher Polikliniken meint die Schriftstellerin? Die Polikliniken für höher gestellte Persönlichkeiten? Die Waldklinik in Berlin-Buch beispielsweise, in der auch bestimmte Künstler mit viel Rücksicht, Zeit und medizinischen Extras, etwa Westmedikamenten, behandelt wurden? Oder die Poliklinik des Regierungskrankenhauses, in dem neben Regierungsmitgliedern auch anerkannte Künstler ab und zu behandelt wurden, wenn anderswo die medizinischen Geräte aus dem Westen nicht vorhanden waren? Oder die Poliklinik des Polizeikrankenhauses, die mit den Kliniken des Regierungskrankenhauses kooperierten, nicht nur, weil sie sich in derselben Straße befanden? Oder bezieht sich die Klage über den Verlust wirklich auf die Polikliniken für den Rest der DDR-Bürger, wo drei bis fünf Stunden Wartezeit bei ständig wechselnden Ärzten das normale war? Über den Verlust der "Volkspolikliniken" kann meines Erachtens zumindest geteiltes Schmerzempfinden aufkommen. Allerdings will ich nicht abstreiten, daß auch sie zum "Überleben" reichten.

Die Kulturgelder und die Förderung der Kultur als nächsten Verlust und schmerzlichen Erkenntnisprozeß wahrzunehmen - um bei Überlebensfragen zu bleiben - ist zumindest vom Schmerzempfinden her differenzierbar. Denn die Kulturgelder in der DDR wurden nach Wohlverhalten gegenüber der Partei und Staatsführung verteilt. Nach dem Prinzip der Treue, "für unser Land", "für unsere Sache", wurden sie vergeben, kulturelle Qualität konnte mitgeliefert werden, war aber nicht ausschlaggebendes Kriterium für die Förderung.

Abschließend wird in Verbier noch als schmerzliche Erkenntnis wahrgenommen, daß man über die Folgen der Vereinigung nicht genügend informiert worden sei.

An wen der Vorwurf über mangelnde Information gerichtet ist, läßt die Schriftstellerin offen. Wahrscheinlich ahnt sie, daß historische Ereignisse und ihre Folgen schwer im voraus zu berechnen sind. Und daß der verständliche Wunsch, geschichtliche Verläufe planen zu können, doch eher in die Traumkiste nachgelassener Geschichtsbücher der DDR gehört und in der wirklichen Welt nur auf dem Spielplatz einen Ort findet.

Rita Kuczynski lebt als freie Autorin in Berlin.