Das Publikum starrte gebannt auf die rasend hüpfenden Tasten des Flügels.

Eine Papierrolle lief, ein automatisches Klavier, das player piano, ein Relikt aus den Salons und Saloons Amerikas, zitterte und vibrierte: Klaviermusik zwischen einer und sieben Minuten Länge, von einem freundlichen, grauhaarigen Herrn komponiert, Conlon Nancarrow. Anfang der achtziger Jahre tauchte er in Europa auf, aus einer anderen Zeit, seiner eigenen Zeit kommend, wieder einer jener großen amerikanischen Einsiedler wie Charles Ives, Henry Cowell, Harry Partch oder La Monte Young.

Er lächelte oft, ein wenig Satie-verschmitzt, obwohl er wenig Grund dazu hatte: Er war nicht vergessen, er wurde kaum gehört. Am 27. Oktober 1912 in Texarcana, Arkansas geboren, in der Stadt, aus der auch Scott Joplin, der "Erfinder des Ragtime", stammt, lernte er Trompete, spielte in verschiedenen Jazzbands, studierte klassische Musik in Cincinnati und Boston. Nachdem er sich 1937 der Lincoln Brigade anschloß, um gegen die Faschisten in Spanien zu kämpfen, wird ihm die Rückkehr in die USA verwehrt. Er geht nach Mexico City und nimmt 1956 die mexikanische Staatsbürgerschaft an - sechzig Jahre im (musikalischen) Exil.

Zeitraubend stanzt er seine Kompositionen auf Papierrollen, ein Unikum, sowohl aus Not wie aus Kunst geboren. Zum einen findet er keine passenden Interpreten und Aufführungsmöglichkeiten, zum anderen ist seine Musik rhythmisch so kompliziert, daß kein Pianist sie spielen könnte. Ihn faszinieren die entpersönlichte, perfekte Wiedergabe des player piano, die temporalen Relationen der Musik. Nancarrow wird zum melodischen Schlagwerker, die Töne hämmern die Rhythmen. Wo andere sphärischen Stimmungen harmonisch nachspüren oder Klänge erwürfeln und präparieren, lauscht er mathematischen Verhältnissen. Er weitet die melodische Eigenständigkeit der Stimmen, die Polyphonie, auf die rhythmische und zeitliche Komponente aus. Er rechnet, zeichnet, überträgt, stanzt - eine neue Papierrolle entsteht, er nennt sie schlicht "Studies". Manchmal tönen die zugrundeliegenden Melodien nach Blues, nach Boogie-Woogie und Jazz, werden von Ostinatofiguren gestützt, später lösen sie sich in reine Zahlenrelationen auf: Wurzel aus, Tempoveränderungen in vorgegebenen Proportionen, Kanons in minimalen Verrückungen - unspielbar für zehn Finger. Doch das Ergebnis ist luzider Klang, reine Energie, in tausend glasklare, hart artikulierte Noten zersplittert, zu einer hypnotischen Einheit verbunden.

Zwanzig Jahre nach europäischen Tonbandpremiere seiner Musik durch Walter Zimmermann bei der pro musica nova in Bremen und dem prominenten Begeisterungsschrei György Ligetis scheint sicher, daß Nancarrow keine Schule begründen wird. Sein Werk, das rund fünfzig "Studies" dünn ist und aus wenigen Kompositionen für akustische Ensembles besteht, ruht in numerierten Holzkästchen, in einer Welt von hermetischer Schönheit und Dichte, in der man nur zu Gast ist. Er freute sich, daß seine Musik nun doch (auf CD bei Wergo) "verfügbar" sei. Mehr wollte er nicht. Durch Stipendien im letzten Jahrzehnt unterstützt, in seinem weitläufigen Haus in Mexico City mit seiner Frau Yoko lebend, darf man sich den hochbelesenen Privatgelehrten und Sozialisten am Ende als glücklich denken. "Ich gehe jetzt lieber" , meinte er 1988 nach Beifall und ungewohnter Begeisterung in Berlin. Am 10. August 1997 starb Conlon Nancarrow.