DIE ZEIT: Alexander Iwanowitsch, im vergangenen Winter haben Sie soziale Explosionen und Volksaufstände vorhergesagt. Nichts davon ist eingetreten.

Ist Rußland stabiler, als Sie erwartet haben?

Alexander Lebed: Ich habe den Aufruhr nicht einfach vorhergesagt. Ich habe Maßnahmen dagegen ergriffen. Meine Warnungen zwangen die Regierung und den Präsidenten, etwas zu tun. Gemeinsam konnten wir Rebellionen verhindern.

ZEIT: Ist die Gefahr sozialer Aufstände gebannt?

Lebed: Keineswegs. Rußlands Regionen entwickeln sich sehr unterschiedlich.

Neulich war ich in Bratsk in Sibirien. Diese Stadt ist ein Pulverfaß. Dort haben Millionen von Arbeitern ein Riesenkraftwerk aufgebaut. Heute gehört dieses Kraftwerk einer Clique von Beamten. Aber die schon ergrauten Arbeiter leben in alten Baracken von einer Hungerrente und ohne Hoffnung auf die Zukunft.

ZEIT: Aber die neue Regierung mit den jungen Vizepremiers Boris Nemzow und Anatolij Tschubajs treibt nun lange aufgeschobene Reformen voran. Es sieht aus, als ginge es aufwärts?