Verehrte Leser! Sie alle kennen jenen Extrakt aus Wasserbüffelhornhaut, den zahllose, vermutlich schwitzende Experten in marmornen Mörsern mit Krümeln aus reinem Elfenbein zerstoßen und zerreiben, um ihn schließlich mit den Hodensäcken von Königstigern und schwarzem Echsendrüsensaft in einem komplizierten Vorgang zu versetzen. Ein Becherchen von diesem Elixier wird regelmäßig abgebildet in diesen kleinen, immer ein bißchen schmuddeligen Anzeigen, die in den kleinen, nicht immer schmuddeligen Magazinen auf den vorletzten Seiten stehen. Und drüber steht: Für immer jung! Die Männlichkeit der Eskimos, der starke Haarwuchs der Ungarn, der stolze Blick des Spaniers! - und was noch so versprochen wird all jenen, die darüber nachdenken, warum (so sagte es ein Kollege in tiefer Nachdenklichkeit) die Jungen immer jung bleiben und Alte immer älter werden.

Tatsächlich ist das merkwürdig. Die Jungen, so will es uns scheinen, sterben oft unvergleichlich jung, noch ganz knospende Schönheit, Erwartung und Unfriede des Herzens. Das Mittelfeld kommt eigentlich nicht in den Blick, weil es, auf eine zähe, lehmige Art, ganz dem verhaftet ist, was alle ohnehin kennen: Cholesterin und Cellulitis, und daß man die Gedichte, in denen der Mond eine Rolle spielt, nur noch sehr unvollständig memoriert.

Die Alten schließlich werden ganz unvergleichlich alt, gerade in letzter Zeit: die Hundertdreiundzwanzigjährige, welche zu Protokoll gibt, sie habe in ihrem Leben immer auf Seelenruhe gehalten und die diverse Leibrenten auf ihr klein Häuschen schon lässig überlebt hat. Der Libanese von - geschätzten Hundertsechsunddreißig, der sich am liebsten mit einem Päckchen Zigaretten photographieren läßt und damit allen Suchtkranken der Erde viel Mut und gute Laune macht.

Das sind Beispiele aus dem Ausland. Aber auch wir schneiden nicht schlecht ab. Da gibt es den Standortoffizier Ernst Jünger, welcher dem dritten persönlichen Jahrhundert gelassen einen neuen Band der Tagebücher entgegenhält. Der allseits geschätzte Herr Priebke, der im hohen Alter noch Deutschland ganz untadelig im Ausland vertritt, im dunkelgrauen Einreiher, die Bügelfalten scharf sortiert, die Zahnreihen fest geschlossen. Und unsere rührige Leni, der eine Galerie in Hamburg auf ihre 95er Tage noch eine Fotoausstellung bescherte, wo alles, wie unterm Weihnachtsbaum, historisch unkritisch versammelt ist: die Diskuswerfer aus Berlin im Jahre 36, die nackten Nuba aus den Zeiten der Kommune 1, die süßen Rochen und Muränen aus dem pazifischen Untergrund. Was ist diesen Menschen gemeinsam? Die Konsumation jenes Extrakts, den sie des Morgens, unvermischt, vor einem frisch erbrochenen Rebhuhnei, auf nüchternen Magen zu sich nehmen? Oder nicht eher eine Gelassenheit, die sich den Weltläuften genauso ungerührt und unerschrocken widmet, wie sie die Weltläufte auch gern wieder vergißt? Faschismus hält jung.

Finis