Die Meldungen über den Nachhall der Flutkatastrophe sind auf die hinteren Seiten der Zeitungen gerückt, in den Nachrichtensendungen des Fernsehens und Rundfunks finden sie nur noch selten Platz. Mit den Pegelständen der Flüsse sinkt allmählich auch das öffentliche Interesse. Für die Menschen in den betroffenen Gebieten aber bleibt das Hochwasser das lebensbeherrschende Thema. Nach dem Erschrecken über die Macht der Naturgewalten türmen sich nun existentielle Folgeprobleme auf: Wie groß sind die offenen und vor allem die verdeckten Schäden? Wann wird das eigene Haus wieder bewohnbar, wann werden öffentliche Einrichtungen wie Schulen wieder benutzbar sein? Und die bedrückendste Ungewißheit: Wer soll den Wiederaufbau bezahlen?

Wie viele andere humanitäre Initiativen in der Bundesrepublik versucht auch die ZEIT-Fluthilfe - gemeinsam mit dem Diakonischen Werk - Unterstützung zu leisten, die nachhaltig wirkt. In Wiesenau am Rande der Ziltendorfer Niederung werden wir mit Spenden unserer Leser zwei Familien bei der Wiederherrichtung ihrer Häuser helfen. In Polen und Tschechien, wo die Fluten noch weit größere Verwüstungen angerichtet haben, wollen wir zur Instandsetzung zweier Dorfschulen (Wilkanów und Zátor) beitragen. In allen drei Gemeinden hat inzwischen der Aufbauwille die erste Erstarrung nach der Katastrophe verdrängt.

Wiesenau: Aufbruchstimmung

"Fast wie früher" könnten sie ihr Haus herrichten, hofft die Familie Prütz. Seit gut einer Woche beseitigt sie den Unrat der Oder aus ihrem Domizil, und die Kondenstrockner (die ZEIT-Fluthilfe hat fünfzehn dieser Geräte für das Dorf gekauft) haben seither über 300 Liter Wasser aus Wänden und Fußböden gesaugt. Ein junger Mann aus dem Allgäu, einer der vielen fremden Helfer in Wiesenau, hat seinen Urlaub geopfert und bei Prützens kräftig mit angepackt. Im Oktober will die Familie wieder in die Kirchstraße 7 einziehen. Ihr Nachbar Schulz wird den Schritt wahrscheinlich noch früher schaffen. Sein Haus liegt einige Zentimeter höher und hat nicht ganz so stark unter der Überschwemmung gelitten. Die Aussicht auf Rückkehr und die Hilfe aus ganz Deutschland lösen allmählich den Hochwasserschock bei den Wiesenauern. "Im Dorf", sagt Bürgermeister Bublack, "macht sich Aufbruchstimmung breit." Er hofft, daß auch die schwierige Verteilung der Spendengelder daran nichts ändern wird.

Wilkanów: Neue Ziele

Noch befinden sich die schulpflichtigen Kinder des polnischen Dorfes im Ferienlager oder bei Verwandten in verschonten Regionen. Aber am 1. September sollen sie wieder in die Schule gehen. In welche? Durch das größere Schulgebäude am linken Ufer ist die Wilczka, sonst ein behäbiger Bach aus dem Glatzer Schneegebirge, wie ein Bulldozer gefahren. Die vier Klassenzimmer jenseits der unterspülten Brücke haben die Heimsuchung besser überstanden. Jetzt befreien Bauarbeiter die Räume von angeschwemmtem Gerümpel und klopfen den Putz von den triefenden Wänden. Das kostet Geld. Wie soll das die Gemeinde bezahlen können, in der Straßenstücke weggerissen, 8 Häuser völlig zerstört und 200 beschädigt wurden?

Der Bürgermeister der Stadt Bystrzyca, zu der Wilkanów (ehemals Wölfelsdorf) gehört, läßt sich nicht entmutigen. Er will aus der Notlage einen Befreiungsakt machen. "Später soll es einmal heißen", sagt Bogdan Krynicki, "das Jahrhunderthochwasser hat vieles vernichtet, aber es hat dem Dorf auch einen neuen Schub gegeben." Den will er mit dem Neubau einer Schule erreichen. Abseits vom gefährlichen Tal der Wilczka soll sie liegen, sicher und landschaftsgerecht an einem Hang des Dorfes. Krynicki schwebt eine Modellschule vor, von der Architektur und vom Lehrangebot her, wie es sie in Mittelgebirgen Deutschlands oder Österreichs geben mag. Er hofft auf Anregungen aus diesen Ländern - und auf finanzielle Unterstützung, denn nach Flutschäden in Höhe von sechs Milliarden Mark wird der polnische Staat Wilkanów vorerst nicht beim Weg in die Moderne helfen können. Die ZEIT-Fluthilfe wird einen Beitrag zur vorläufigen Instandsetzung der bisherigen und zum Bau der neuen Schule leisten.