Schon wenn der Zug von Süden her die Kurve nimmt und beim Heizkraftwerk in die Bahnhofsgerade einschwenkt, weiß man auf einen Blick, wem die spargelige Skyline gehört: der mit Geld gedüngten Stadt Frankfurt am Main. Diese Stelen - nicht wie Stalagmiten in Jahrmillionen emporgetropft, sondern ruck, zuck hochgezogen, Symbole der Geldvermehrung, der man sich hier so beflissen wie nirgendwo sonst im Lande hingibt -, diese Wolkenkratzer sind viel mehr Zeichen als Gebäude. Und so mußte einer immer höher als all die anderen vorher werden, prachtvoller, aufsehenerregender, raffinierter, origineller, "moderner", ja, nun sogar "ökologisch". Am wirkungsvollsten freilich ist ein Superlativ immer erst dann, wenn auch der Name seines Architekten einer ist, sagen wir Norman Foster. Tusch!

Nun hatte ja vor allem das Planungsdezernat ausdrücklich auf "Umweltverträglichkeit" und so weiter bestanden, um das Monster, das höchste Hochhaus nicht nur von Frankfurt, sondern gleich von ganz Europa, mitten in der überfüllten Innenstadt erlauben zu können. Die Commerzbank wollte ihren Neubau unbedingt neben ihren banalen braunen, architektonisch von jeher belanglosen Altbau ausgerechnet dort hineinzwängen. Und so war auch der Architekturwettbewerb darauf ausgewesen, die Frivolität des Starrsinns zu überspielen und das Unmögliche zu beweisen. Wir belasten mit unserem Hochhaus die Umgebung? Aber nicht doch, alles ökologisch und energiesparsam!

Die Jury hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und, rätselhaft unentschlossen, die beiden letzten Rivalen noch einmal gegeneinander antreten lassen wollen. Doch ihre Empfehlung paßte dem Bauherrn, der ihr soeben noch zugestimmt hatte, auf einmal nicht mehr. Er setzte sich kaltblütig über den Beschluß hinweg und ignorierte, daß die Fachleute den zweiten Entwurf besser beurteilt hatten als den ersten. Und der erste Preisträger lehnte es ab, sich mit dem zweiten noch einmal zu messen. Denn der erste, das war längst heraus, hieß Norman Foster, und den wollte die Bank haben, keinen anderen, auch keinen besseren Entwurf. Die jungen Talente ließ sie erst auf deren Nachfrage und dann einigermaßen schroff spüren, daß sie von ihnen nichts mehr wissen wolle. Christoph Ingenhoven? Aus Düsseldorf? Nein, kein Risiko! (Ingenhoven kam dann in Essen zum Zuge, siehe den Artikel von Till Briegleb im FEUILLETON.) Wahrscheinlich hatte die Bank von Anfang an gehofft, ihr Foster werde das Rennen machen.

Hat er nun auch. Seinen Namen kennt man, nicht wahr, auf der ganzen Welt. Ganz richtig, das ist derjenige, der in Hongkong Sensation mit der sündteuren Hongkong und Shanghai-Bank gemacht hat, in die er das Licht mit Spiegeln schaufelt; der in Stansted den schönsten Londoner Flughafen entworfen hat; der auch das Reichstagsgebäude in Berlin für den Bundestag um- und ausbaut und ihm, leider, sich damit am Ende selbst zuwiderhandelnd, eine komische Kuppel aufstülpt, ein Fall für die Rubrik Architekt und Moral.

Aber in Frankfurt am Main von Moral zu sprechen ist ohnehin seltsam, wo es in Hochhausangelegenheiten zugeht wie im Gangsterkrieg von Chicago, nur daß es keine Toten gibt: alles irgendwie legal oder nachträglich legalisiert, auch das Fordern, Umfallen, klein Beigeben. Die Impertinenz ist hier Alltag, und am Ende zieht sogar der primitivste aller Erpressungsversuche, man wandere sonst mit allen Arbeitsplätzen aus, so wie die Dresdner Bank es gerade angedroht hat. Sie ist dabei, ihr Stadtzerstörungswerk im denkmalwürdigen Bahnhofsviertel fortzusetzen: mit einem neuen, immer höher verlangten Hochhaus an der Gallusanlage.

Den Wettbewerb um dieses - zur Zeit an dieser Stelle mit dieser Höhe illegale - Projekt gewann ausgerechnet die Architekturfirma Novotny, Mähner und Assoziierte, die die Stadt Frankfurt einst in einem Planungsgutachten beschworen hatte, hier und in der Nähe Hochhäuser unter allen Umständen zu untersagen. Nun vermuten alle, daß die Stadt, wie stets, eines Tages doch nachgeben werde so wie kurz zuvor beim Holzmann-Hochhaus gleich nebenan, dem Präzedenzfall, und so wie doch auch beim Wolkenkratzer der Commerzbank, der natürlich auch viel höher geworden ist, als eigentlich erlaubt; und dies an einer stadthistorisch wie städtebaulich prekären Stelle: am Kaiserplatz, direkt gegenüber dem Hotel "Frankfurter Hof" und dem feinen "Juniorhaus" von 1951 mit seinem eleganten gläsernen Wendeltreppenturm. Nun gut, der Entwurf war breiter ausgefallen und niedriger, und so hatte das Planungsamt verlangt, den Blockrand und seine Traufe deutlicher zu wahren, den Turm also erst im Inneren des Blocks aufragen und dafür höher werden zu lassen.

Das höchste Hochhaus also von ganz Europa, höher als die triviale Rakete des Messeturms von Helmut Jahn, wenngleich nur dank dem vierzig Meter hohen Antennengestänge: 296 Meter inklusive. Das schönste aber ist es nicht, da wird es spielend übertroffen - vom eleganten Turm der DG-Bank und dem Hochhaus-Zwilling Kastor und Pollux (der Architekten Kohn, Pedersen und Fox aus New York), auch vom adretten, rotbraun mit Granit verkleideten Japan-Center nebenan, das mit seinem Deckeldach aussieht wie eine japanische Gartenleuchte (von den Berlinern Ganz und Rolfes); da ist ihm selbst das kaum noch bemerkte, immer noch wohlansehnliche (kleine) Hochhaus überlegen, das sich einst die Chase Manhattan Bank von den Frankfurtern Meid und Romeick hat errichten lassen.