Bonn

Ausgerechnet Theo Waigel! Waigel, der Loyale. Stütze des Kanzlers und sein CSU-Anchorman. Aber auch Chef eines Ressorts, in dem man beinah nur unpopulär werden kann. Ausgerechnet der Finanzminister also, selbst angreifbar und eher schwach, hat diese Diskussion über ein Kabinettsrevirement losgetreten.

Am liebsten würde der Das-kenn-ich-doch-allesschon-Kanzler solche Vorschläge glatt vom Tisch wischen. Auch Wolfgang Schäuble assistiert: Besser reden über Zukunftsperspektiven als über einen Umbau des Kabinetts. Aber die CSU schürt das Feuerchen. Nur mit einem neuen, frischen Team um Kohl herum, belehrt Edmund Stoiber den Kanzler, ließen sich "Offensivgeist und Aufbruchstimmung" erzeugen. Damit und ohne den Euro.

Wer über ein Revirement des Kabinetts reden will, darf vom allmählichen Verschwinden dieser Institution nicht schweigen. Natürlich bevölkern noch jeden Mittwochmorgen Photographen und Kameraleute den Kohl-Saloon im Kanzleramt, jede Menge Flaschen (Mineralwasser) stehen herum, Kaffee, Aktenberge, dunkle Anzüge, und der Kanzler eröffnet in der sechzehnköpfigen Ministerrunde mit ein paar launigen Bemerkungen, bevor er die Pressebagage hinauswirft. Das Bild ist sattsam bekannt. Aber der Schein trügt. Als zentrale politische Einrichtung, als Herz der Exekutive, ist das Kabinett nicht mehr erkennbar.

Es ist kein Gesetz, daß starke Kanzler schwache Kabinette haben. Und was heißt auch "schwach"? Der frühe Konrad Adenauer hatte namhafte Kabinette. Willy Brandt, der Kurzzeitkanzler, war Primus inter pares in einem sehr starken Kabinett, und beide werteten sich wechselseitig auf. Heute frotzelt Klaus Escher (Junge Union), es mache "keinen Sinn, kurz vor der Wahl die Köpfe auszutauschen", eine Verjüngungsdebatte sei auch überflüssig, weil man ja die Frauen Nolte und Merkel und den Herrn Rüttgers bereits habe. Um dann noch draufzusatteln, gerade zwei Ministerposten seien hervorragend besetzt. Escher nennt Volker Rühe und Matthias Wissmann.

Man könnte sogar mit Kohl fünfe gerade sein lassen und sagen: Die ganze Runde macht einen "prima Job". Nein, das Kabinett ist nicht die Weltraumstation Mir. Es arbeitet relativ pannenfrei und versammelt auch Kompetenz. Das Problem sind nicht die Schwachen, das Problem ist das Ensemble.

Der Kanzler hat seit jeher die Schwachen gestärkt (Manfred Wörner, Christian Schwarz-Schilling) und die Starken geschwächt. In diesem Kreis ist alles applaniert. Und die Damen und Herren fügen sich, biegsam und schmiegsam. Vielleicht wird Manfred Kanther jetzt deshalb weggenörgelt, übrigens gerade von der CDU-Rechten, weil er im Streit um die Staatsbürgerschaft gegen Schäuble seinen Prinzipien unbedingt treu bleiben will. Sich treu bleiben, auch das ist nicht Kabinettsstil.