Lehrer, das ist kein Beruf, sondern eine Diagnose." Schon der erste Satz in dem Buch "Pestalozzis Erben" signalisiert, daß es sich gründlich von gängiger Pädagogenprosa unterscheidet. Sein Autor Friedrich Mahlmann, Leiter des Gymnasiums Oerlinghausen in Nordrhein-Westfalen (und gelegentlich auch Autor der ZEIT), unterzieht sich schreibend einer Art Selbsttherapie. Er schildert am Beispiel seiner Schule die Krankheitsgeschichte des deutschen Schulwesens. Zwar heißt Oerlinghausen im Buch Rodenburg, und auch die Akteure sind verfremdet, doch in dieser losen Folge von Szenen und Episoden sind durchaus realistisch. Der Verlag verkauft das Ganze im Klappentext als "pointierte satirische Überzeichnung"; Irrtum, Mahlmann übertreibt nicht, der Schulbetrieb ist oft Satire. Überall ist Rodenburg. Nicht das Gymnasium Oerlinghausen und seine skurrilen Repräsentanten sollen vorgeführt werden, sondern ein ganzes System.

Literarisch angesiedelt ist die Geschichte irgendwo zwischen Heinrich Mann, Heinrich Böll und Heinrich Spoerl, mit kafkaesken Zügen. Der Held, Mahlmanns Alter ego, heißt Heinrich Kah. Und der hatte schon als Schüler beschlossen, Lehrer zu werden, "aus Rache für die am eigenen Leibe erfahrene Drangsal". Doch der Beruf rächt sich nun an Kah. Er reibt ihn auf im täglichen Titanenkampf mit Elternvertretern, Schulräten, Amtsleitern, Kommunalpolitikern und Kollegen etwa vom Schlage eines Oswald Zuche.

Zuche unterrichtet Deutsch und Sport und bestätigt so ziemlich alle Vorurteile über Lehrer. Er ist faul, anmaßend, unpünktlich und feiert mindestens einmal im Monat krank. Aus einem Sanatoriumsaufenthalt kehrt er mit einem Attest partieller Dienstfähigkeit zurück. Seine wöchentliche Pflichtstundenzahl wird reduziert, Sport braucht er überhaupt nicht mehr zu unterrichten. Doch auch das ist Zuche zuviel. Er beschwert sich beim Schulleiter, und als der sich weigert, die Stundenzahl weiter zu reduzieren, bei der Bezirksbehörde über den Schulleiter "wegen vorsätzlicher Herbeiführung der Dienstunfähigkeit eines Untergebenen". Danach meldet er sich krank und wird am Gymnasium nicht mehr gesehen. Nach über einem Jahr erfährt man dort, daß Zuche immer noch bei vollem Gehalt in Staatsdiensten steht. Gegen eine vorzeitige Pensionierung hat er Einspruch eingelegt.

Zum Beispiel Deutschlehrer Bernatzki, ohne Vornamen bitte, in den Fünfzigern, der seine Pflichtstunden abreißt und im übrigen nicht behelligt werden will. Entrüstet weist er jedes Ansinnen von sich, sein Verhalten noch zu ändern. In entrückten Augenblicken träumt Kah davon, "Bernatzki rauszuschmeißen". Hoffnungslos bei Beamten mit über dreißig Dienstjahren.

Oder Hubert Röckmann, Religionslehrer und Alt-68er, bei Schülern bekannt als der, "der sich die Haare in der Friteuse wäscht" und der ständig Betroffenheit verbreitet. Unablässig organisiert er Menschenketten, Schweigekreise oder Friedensgottesdienste. Aber wehe dem, der sich solchen "Betroffenheitsorgasmen" entgegenstellt: "Seit Kah ihn darauf hingewiesen hatte, daß es nicht jedermanns Sache ist, in einem Schulgottesdienst für die Gegner der Nachrüstung zu beten, war ihm Röckmann ein unversöhnlicher Feind."

Da ist Carl-Gottfried Albers, "dessen Hauptanliegen darin bestand, gegen die blinden Mächte der Kulturbürokratie zu kämpfen". Als sein Sohn Martin in der siebten Klasse zum zweiten Mal sitzenbleibt, legt Albers Einspruch gegen den Beschluß der Versetzungskonferenz ein. Sogleich führt er einen Kampf wider "den menschenverachtenden Leistungsdruck des Gymnasiums Rodenburg" unter Mobilisierung der Elternverbände und der örtlichen Presse und erklärt, "daß er als Klassenlehrer fürderhin die gültige Versetzungsordnung aus Gewissensgründen nicht mehr anwenden werde". Die Vorhaltung des Schulleiters, Albers müßte dann logischerweise seine Stelle räumen, blieb folgenlos.

Mehrfach befällt Mahlmanns Leser das Gruseln. Ist Rodenburg wirklich überall? Lehrer leiden - so hören wir immer wieder - am Phänomen des Ausbrennens, das sich einer Erlanger Dissertation von 1990 zufolge zusammensetzt aus "emotionaler Erschöpfung, verminderter Leistungsfähigkeit und Dehumanisierung" infolge streßhafter Arbeitsbedingungen und belastender Sozialkonflikte. Will Mahlmann gegen derartige Einsichten nun wieder die atavistischen Vorurteile über die "faulen Säcke" aufleben lassen?