Was kann die Literatur anfangen in einem so bunten, bewegten und technischen Medium wie dem Internet? Dieser Frage spürte an einem drückenden Augustwochenende die Jury des Internet-Literaturpreises von ZEIT und IBM nach, der in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben wird (und erstmals mit Unterstützung vom Tagesspiegel in Berlin, Radio Bremen und dem Netzliteratur-Festival Softmoderne).

164 Beiträge waren zu begutachten, und wie das so ist, wenn man in das Internet hineinruft nach neuer Literatur: Was zurückschallt, ist das Leben selber, so aufregend und so banal, wie man es kennt. Allen voran kamen die Eiferer mit langen Manifesten für humanes Sterben, nachhaltiges Wachstum und andere untadelige Zwecke. Gleich dahinter die Vielschreiber, die mal eben hundert beliebige Kilobyte digitalisiert haben aus Werken, die zwar literarischer anmuten, aber doch mit den Möglichkeiten des Internet nicht viel zu tun haben - außer daß die Leser per Mausklick zwischen den einzelnen Texten auswählen dürfen.

Auf der anderen Seite die Technikerfraktion mit dreidimensionalen Buchstabenwelten, frei flottierenden Worten, die man mit der Maus anstupsen darf, und wellenschlagenden Überschriften. Vieles davon ist offenkundig aus den Weiten des World Wide Web zusammenkopiert und nur neu verbunden worden, vieles aber auch in mühevoller Arbeit von Grund auf selbst entworfen - wie der ergonomisch perfekt gegliederte Essay "Octothorp" von Florian Brody oder das interaktive Kinderbuch "Pingu und die Flaschenpost" von Elke Herbst, das den Spieltrieb der Jury lange beschäftigte.

Technisch sind die meisten Einsendungen auf der Höhe der Zeit - was leider heißt, daß man vor dem Lesen erst megabyteschwere Zusatzprogramme aus dem Netz laden und installieren muß. Dann gibt der Computer auch Töne und ruckelige Videos von sich, dann rasen beispielsweise zwei Dampflocks frontal aufeinander zu und zersplittern wie Sperrholz. Dazu die Nazi-Größe Robert Ley mit dem originalen Volksempfängerknacksen: "Der Führer weiß alles. Er weiß bestimmt auf jedem Gebiet mehr als der Fachmann."

Das alles hat seine Qualitäten. Aber ist es auch Literatur? Immerhin einundzwanzig Beiträge, darunter den eben genannten ("Verstimmungen", von Kurt Fendt und Zafer Senokac), erachtete die Jury als richtungsweisend. Zu einem ersten Preis konnte sie sich allerdings nicht entschließen. Zu sehr schienen ihr die technischen Mittel noch über die Textqualität zu dominieren.

Dafür gibt es zwei zweite Preise. Den einen bekommt Susanne Berkenheger für ihre klassische Hypertextgeschichte "Zeit für die Bombe". Darin sind die Winkelzüge vierer anarchistischer Bombenleger im winterlichen Moskau so geschickt verwoben, daß die Jury sich nach mehrfacher Lektüre nicht sicher war, bei welchem Bild die Geschichte enden sollte. "Bei keinem", sagt die Autorin.

Peter Berlich, der andere Preisträger, simuliert mit seiner Arbeit "Core" ein intelligentes Computersystem, das benutzergesteuert mit Szenenbeschreibungen aus dem Film "Casablanca" improvisiert und darüber wahnsinnig wird.