Um die Mittagszeit ist es still in den Bergen jenseits von Luxor, totenstill. Die Felsen am Westufer des Nils liegen schattenlos unter der senkrecht stehenden Sonne, bei fünfzig Grad Hitze müssen sich selbst die abgebrühten Einwohner von Gourna in kühle, dunkle Häuser verkriechen. Es sind zwei- oder dreistöckige Gebäude mit kleinen Fenstern und niedrigen Türen. Naive Malereien zieren die Wände, grellbunte Szenen von der Ernte im Niltal, von der Pilgerreise nach Mekka, vom Leben im Dorf. Und fast jedes Haus trägt das Bild einer pharaonischen Mumie. In Gourna werden Mumien wie Hausgenossen behandelt.

Die Siedlung ist ein mystischer Fleck in Ägypten, ein Ort, wo 8000 Menschen in enger Nachbarschaft mit dem Tod leben. Nur wenige Kilometer vom archäologisch erschlossenen Tal der Könige entfernt, haben die Gournawis schon vor einem Jahrhundert ihre Häuser über die Eingänge antiker Grabmäler gebaut und sich damit gewisse Ansprüche auf einen Teil des pharaonischen Erbes gesichert. "Wir sind die Wächter der Mumien", sagt al Tayeb Khalifa, ein hagerer Mann, dessen Familie zu den einflußreichen Clans in Gourna gehört. Der Innenhof seines verwinkelten Hauses grenzt an einen Viehstall, gleich dahinter öffnet sich der dreißig Meter lange Gang zu einer pharaonischen Gruft. "Wir haben das Grab nie geöffnet", versichert Al Tayeb Khalifa, zündet eine Kerze an und scheucht mit Fußtritten Hühner und Ziegen aus der stockfinsteren Höhle. In flackerndem Kerzenlicht zeigt Al Tayeb Khalifa zur Decke. "You see, pharaonic", ruft er in die plötzliche Stille. Das Gewölbe ist mit verblaßten Hieroglyphen bemalt.

Altägyptologen würde vermutlich der Schlag treffen, wenn sie bei der Besichtigung eines antiken Monuments durch stinkenden Ziegenmist tapsen und mitansehen müßten, wie Al Tayeb Khalifa barfuß und mit ausgestreckten Händen durch die pharaonische Vergangenheit stolpert. Die Gournawis haben in der Tat ein recht bodenständiges Verhältnis zu ihren Gräbern. Und weil dies nicht unbedingt dem amtlichen Anspruch genügt, die Schätze der Vergangenheit zu konservieren, hat Ägyptens Regierung unlängst einen archäologischen Aktionsplan beschlossen: Gourna wird platt gemacht. Der Kulturminister will zusammen mit seinen Kollegen aus dem Tourismusressort die unerforschten Gräber von Gourna erschließen und die gesamte Region rund um das Tal der Könige in eine archäologische Parklandschaft umgestalten. Als Kompensation für den Verlust ihrer Häuser sollen die Gournawis in El Gedida, einer Neubausiedlung am Rande der Wüste, untergebracht werden.

Was die Pläne der Regierung allerdings fragwürdig macht, ist die Tatsache, daß die Einheimischen durch das ehrgeizige Projekt ihre traditionelle Lebensgrundlage verlieren. Die pharaonischen Gräber waren schon immer eine Goldgrube für die Gournawis. Ihre Großväter arbeiteten in den zwanziger Jahren als Hilfskräfte europäischer Archäologen und waren nebenberuflich im Tal der Könige als Grabräuber aktiv. Aber das sind alte Geschichten. Die Enkel sind heute Kunsthandwerker, die in kleinen Läden nachgemachte Antiquitäten aus Alabaster verkaufen oder gegen ein kleines Bakschisch Touristen vor geheimnisvolle Grabeingänge führen. "Wir leben vom Tourismus", sagt Al Tayeb Khalifa, "der Tourismus gibt uns Brot. Wie sollen wir unsere Kinder ernähren, wenn uns die Regierung vertreibt?"

Solche Fragen stoßen an höherer Stelle auf kopfschüttelndes Unverständnis und mitleidiges Lächeln. "Was wollen die Leute nur", sagt Mohammad al Nasr von der staatlichen Antiquitätenverwaltung in Luxor, "sie hausen doch in erbärmlichen Hütten und kriegen nun endlich die Chance, ein menschenwürdiges Leben zu führen." Von seinem klimatisierten Büro aus hat Mohammad al Nasr einen prächtigen Blick auf die Berge und Häuser von Gourna, die sich wie kleine Festungen von der zerklüfteten Landschaft abheben. "Die Leute dort oben haben keine Infrastruktur, keine Kanalisation, nichts. Sogar ihr Wasser müssen sie auf Eseln kanisterweise ins Dorf schleppen." Die Alternative hingegen beschreibt der Regierungsbeamte in leuchtenden Farben: "Die Neubausiedlung El Gedida hat Strom, fließend Wasser und breite Straßen. Wir wissen, was die Menschen hier brauchen."

Die fürsorglichen Abriß- und Evakuierungspläne der Regierung sind bei den Einheimischen allerdings bislang auf wenig Gegenliebe gestoßen. Schließlich liegt Gourna in Oberägypten, tausend Kilometer südlich von Kairo, in einer wirtschaftlich vernachlässigten Krisenregion. Mißtrauen gegenüber der Staatsmacht wird in Oberägypten schon mit der Muttermilch aufgesogen. Daß Präsident Hosni Mubarak höchstpersönlich die Schirmherrschaft für die Umsiedlungsaktion übernahm und versprach, den Gournawis in El Gedida eine neue Lebensgrundlage zu schaffen, ändert nichts an der grundsätzlichen Skepsis im Dorf. "Die Politiker in Kairo haben sich nie um uns gekümmert", sagen die alten Männer in Gourna, "nun wollen sie auch noch unsere Siedlung zerstören."

Dreihundert Häuser wurden in Gourna bereits niedergerissen und ihre Bewohner nach El Gedida evakuiert. Die Neubausiedlung liegt zwar nur zehn Kilometer von Gourna entfernt, doch der tägliche Touristenstrom, der ins Tal der Könige führt, geht an El Gedida vorbei. Es gibt keine Läden, keine Alabasterwerkstätten und keine Touristen. Die breiten Straßen sind menschenleer, graue Wohnblocks ragen aus der Wüstenebene, ein überlebensgroßes Portrait des ägyptischen Präsidenten soll die Einwohner daran erinnern, wem sie El Gedida verdanken. "Wir leben hier im Exil", sagt Mohammad, der früher in Gourna als selbsternannter Fremdenführer sein Auskommen hatte. Jetzt sitzt er mit seiner Frau und seinen acht Kindern in einer Zweizimmerwohnung und denkt an die guten, alten Zeiten in Gourna. "Wir hatten zwar kein fließendes Wasser in unseren Häusern", erklärt Mohammad, "aber dafür hatten wir Arbeit." In El Gedida gibt es zwar Wasser und Strom, aber keine Arbeit.