Lyn - nennen wir sie Lyn - ist Anfang Zwanzig, syrischer Herkunft, in Deutschland aufgewachsen. Sie arbeitet in einem Büro und lebt mit ihrem Freund in einer Wohngemeinschaft. Natürlich schläft sie auch mit ihm.

Nach einem Eingriff, den sie vornehmen ließ und der keine zehn Minuten gedauert hat, ist Lyn wieder Jungfrau. Nun sitzt sie im Flugzeug in Richtung Türkei, um dort einen ihr fremden Mann zu heiraten, einen, der ihrer Familie sicherlich viel Geld dafür gezahlt hat. Lyn wird als "Jungfrau" ins Hochzeitsbett steigen. Dann wird sie ihrem Ehemann vertragsgemäß den Weg ins Paradies Deutschland ebnen.

Lyns Fall ist einer von vielen. Sabine Müller, Frauenärztin im freien Familienplanungszentrum Balance im Osten Berlins, kennt Dutzende solcher Schicksale junger Türkinnen oder Afrikanerinnen. Fast jede Woche melden sich bei ihr muslimische Frauen, um nach der Hymenalrekonstruktion zu fragen anonym natürlich. Die meisten stehen kurz vor der Heirat - der verordneten Heirat.

In der Öffentlichkeit wird über das Thema nicht geredet. Die Frauen wie die Ärzte wahren Stillschweigen. Ein Hamburger Gynäkologe, der nicht genannt sein will, hält die Operation für problematisch, führt sie aber dennoch durch "aus Verständnis für die Situation dieser Frauen".

Nennen wir sie Aspurce. Sie ist sechzehn, geht in die neunte Hauptschulklasse. Ihre Eltern kommen aus dem Libanon. Seit einem halben Jahr hat Aspurce einen Freund, auch er ist Muslim. Sie trifft ihn heimlich, und heimlich ist es auch zum ersten Mal gekommen. Er habe sie immer gedrängt, sie eines Tages richtig überfallen. "Nein, eine Vergewaltigung in dem Sinne war es nicht", sagt sie.

Aspurces Vater wird demnächst in die Türkei fahren, um einen Ehemann für sie auszuwählen. Die Eltern nehmen keine Rücksicht darauf, daß Aspurce noch zur Schule geht. Sie fragen sie gar nicht. Aspurce wird in der Türkei heiraten als Jungfrau, davon gehen die Eltern aus.

Die Rekonstruktion an sich ist ein kleiner Eingriff. Mit einem feinen Faden, der sich später auflöst, werden die Ränder der Jungfernhaut miteinander vernäht. Bei der Beratungsstelle Balance kostet der Eingriff fünfzig Mark. Der zitierte Hamburger Gynäkologe verlangt 200 Mark, andere nehmen das Doppelte oder Dreifache.