Das Internet macht nicht nur manchen Eltern Sorgen. Irgendwo kursieren immer Pornos und Aufnahmen von zerstückelten Leichen, werden Religionen und Herrscherhäuser geschmäht. Die Öffentlichkeit hatte sich fast schon daran gewöhnt, und die meisten Versuche, das Netz polizeilich in den Griff zu bekommen, sind kläglich gescheitert. Nun aber haben sich mächtige Verbündete zu einem neuen Anlauf entschlossen: Ab sofort soll das Netz sich fein säuberlich selber sortieren, hier die unbedenklichen Angebote, da der heikle Rest.

Die Idee ist von gewinnender Schlichtheit. Jeder, der im World Wide Web publiziert, versieht sein Angebot mehr oder minder freiwillig mit einem Etikett, jede Web-Software auf den Rechnern der Anwender kann es lesen. Und die entscheiden dann selber, was sie - oder ihre Kinder - überhaupt noch zu sehen bekommen.

Das System ist da. Es nennt sich Pics (Platform for Internet Content Selection), und es scheint sogar zu funktionieren. Gerade darum entfacht es nun heftige Debatten. Die Industrie von IBM über Microsoft bis hin zu den Online-Diensten ist dafür und will Pics schleunigst einführen, der Präsident der USA will das Seine dazu tun. Nur ein Häuflein Bürgerrechtler protestiert lauthals: Nun komme die perfekte Zensur über das Netz. Warum die Aufregung?

Pics selber zensiert gar nichts. Das Kürzel bezeichnet nur ein einheitliches Verfahren für die Kennzeichnung von Angeboten im Web. Jedes Dokument kann mit einem unsichtbaren Etikett versehen werden. Der Mensch am Bildschirm bemerkt davon nichts, nur seine Web-Software verarbeitet diese Etiketten im Hintergrund - und zeigt gegebenenfalls ein Dokument erst gar nicht an.

Jeder Anwender kann mittels Schaltern und Schiebereglern einstellen, was dieser Filter ihm alles ersparen soll. Nur, wer soll zuvor im Netz die Millionen von Etiketten anbringen? Das können, so die Idee von Pics, die Anbieter der Web-Seiten selber tun. Sie müssen sich nur an den technischen Standard halten. Daß sie schummeln, sei unwahrscheinlich, heißt es, für einen Mißbrauch gebe es außer schierer Böswilligkeit kaum Motive. Dennoch wurde im US-Senat schon der Vorschlag laut, "falsches" Etikettieren als Straftat zu ahnden.

Aber nicht nur die Anbieter selber, auch beliebige Organisationen können es unternehmen, das Internet mit ihren Etiketten zu überziehen. Eine der ersten, die die Gelegenheit ergriffen hat, ist der RSAC (Recreational Software Advisory Council), ein gemeinnütziger Verband in den USA, hinter dem Firmen wie Disney, Compuserve und Microsoft stehen. Sie hatten ihn 1995 ins Leben gerufen als eine Art freiwillige Selbstkontrolle für Computerspiele; nun kategorisiert er auch das Internet.

Wer auch immer im Netz publiziert, kann sich online bei der Homepage des Dienstes melden und dort sein Angebot anhand einer Auswahlliste einstufen. Dann bekommt er ein Etikett, bestehend aus vier Ziffern, die jeweils für einen bestimmten Härtegrad in den Kategorien "Sex", "Gewalt", "Nacktaufnahmen" und "Sprache" stehen - von "Tötung mit Blutvergießen" (Gewalt, Stufe 4) über "Sexuelle Berührung, bekleidet" (Sex, Stufe 3) bis "Leichte Kraftausdrücke" (Sprache, Stufe 2). Eltern können nun in einem Web-Browser, der Pics versteht, für jede Kategorie einstellen, ab welcher Stufe der Filter in Kraft treten soll. Der Internet-Explorer von Microsoft hat in seiner Version 3.0 Pics schon eingebaut.