Irgendwann, womöglich schon zu Anbeginn der Welt, eventuell aber auch erst in den vierziger Jahren unseres wechselvollen Jahrhunderts, müssen die Außerirdischen auf die Erde gekommen sein.

Es spricht für ihre überragende Intelligenz, daß sie sich offenbar sofort mit der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zu verbünden suchten und das Auslaufmodell Sowjetunion konsequent ignorierten. Über ihre Pläne für den Planeten besteht bedauerlicherweise keine vollständige Klarheit: Vielleicht haben die nach allgemeiner Auffassung spitzköpfigen, graugewandeten Wesen eine Invasion in großem Stil vor. Vielleicht geht es ihnen lediglich um eine kleine experimentelle Stippvisite. Oder die Aliens sind doch wie alle anderen und streben in Wahrheit nur nach gutbezahlten und pensionsberechtigten Posten im öffentlichen Dienst.

Fest steht jedenfalls: Im Angesicht der Jahrtausendwende schlägt das Imperium mit Schwung zurück in die Unterhaltungsindustrie der westlichen Welt. Mit den extraterrestrischen Bildungsreisen der Erdlinge vom Schlage Captain James T. Kirks, mit den biederen Ausflügen der "Raumpatrouille Orion", den Selbsterfahrungsaufenthalten Lemscher Helden auf "Solaris" und Arthur Dents Anhaltertrips durch die Galaxis scheint es fürs erste vorbei zu sein: Jetzt landen die anderen bei uns.

Parallel zu Endzeiterscheinungen wie New-Age-Bewegung und Cyberspace, Bachblütentherapie, der Kunde vom Astralleib und dem Auspendeln von Gemüse im Supermarkt boomt ein (vorwiegend filmisches) Genre, das sich dem Mystischen, Übersinnlichen, dem Unerklärlichen verschrieben hat: Aliens zumeist inklusive. Die wirklich gekonnte Mischung dieser neuen Mystery-Gattung vereint Elemente der Gothic novel mit Fantasy, Science-fiction, den Verschwörungstheorien des Politthrillers und der Dramatik des Katastrophenfilms. Prominentestes, inzwischen geradezu klassisches Beispiel ist die seit 1994 in bisher drei Staffeln ausgestrahlte Fernsehserie "Akte X" ("The X-Files"), die in Amerika regelmäßig mehr als zwanzig, in Deutschland vier bis fünf Millionen hingebungsvolle Zuschauer pro Folge in ihren Bann zieht. (Den Start der vierten Staffel hat der Sender Pro Sieben für den 14. September annonciert.)

Ihre Hauptfiguren, die FBI-Agenten Fox Mulder und Dana Scully, wühlen sich durch die geheimen Akten ihrer Behörde, kämpfen gegen internationale Verschwörungen, korrupte Vorgesetzte, wiedergeborene Serienmörder, prähistorische Termiten, außerirdische Würmer und ein umfassendes Komplott der amerikanischen Regierung, das medizinische Versuche an der eigenen Bevölkerung, Entführungsserien und die Vorbereitung einer Übernahme der Erde durch Außerirdische zum Gegenstand hat.

Die reichhaltige und überaus populäre Sekundärliteratur zu dieser Serie allein in Deutschland verkauften sich Titel wie "Das offizielle Kompendium" und "Die wahren X-Akten" bisher dreiviertelmillionmal - macht es sich dankenswerterweise zur Aufgabe, auch weltlichen Laien einen Überblick über die komplexe Materie zu verschaffen.

Kurzzusammenfassungen erreichen eine überraschende erzählerische Dichte: "Skiner (ein Vorgesetzter Mulders und Scullys; d. Red.) gerät offenbar zufällig in eine Schießerei und wird verletzt. Scullys Nachforschungen ergeben jedoch, daß der Schütze, Luis Cardinal, mit Krycek (wer war jetzt noch Krycek?) zusammengearbeitet hat und der Mann ist, der ihre Schwester Melissa erschossen hat. Inzwischen sind Mulder und der von Außerirdischen besessene Krycek nach Amerika zurückgekehrt, um das DAT-Tape zu holen. Aber ihr Wagen wird von den Agenten des Kettenrauchers von der Straße gedrängt. Während Mulder bewußtlos ist, verstrahlt Krycek die Agenten, holt sich das Band allein und schließt einen Handel mit dem Kettenraucher ab: Der Außerirdische soll erfahren, wo sich sein Raumschiff befindet, und im Austausch dafür das Band herausgeben ..." (Folge 65, "Der Feind").