ZDF, Sonntag, 17. August: "Wunderbare Welt"

Wenn schon in der Politik zum Kummer der Medien nicht viel Neues passiert, so scheint sich doch in der Natur eine Menge zusammenzubrauen: Statt ihres Geistes ist es der Körper der Erde, der sich aufbäumt und ändert. Oder ist es nur unser Verständnis von der Natur, das sich erneuert, je genauer wir den Gegenstand erfassen? Egal, Fauna, Flora, Klima, sie erscheinen in immer neuer Beleuchtung, jedes gelöste Rätsel gibt den Blick auf zwei weitere frei, der populärwissenschaftliche Buchmarkt boomt, und das Fernsehen liefert die Show dazu.

Die "Wunderbare Welt" im ZDF kümmert sich am liebsten um Tiere: Nächsten Sonntag ist die Königskobra dran, deren Biß einen Elefanten erledigt. Aber Stürme, Sterne, Ozeane kommen auch zu ihrem Recht - und solche schönen Sätze vor wie: "Was wir Wetter nennen, ist der Versuch der Erde, Luftströme unterschiedlicher Temperatur zum Ausgleich zu bringen." Natursendungen haben die Beschaulichkeit aus den ersten Jahrzehnten dieser Programmsparte weitgehend verloren, sie sind zugleich wissenschaftlich-rationaler und emphatisch-(tier)psychologischer geworden. Der belehrende Ton hat abgedankt dafür ist bisweilen ein tremolierendes Pathos am Werk, als stünde das Weltenende bevor und als habe die Spezies Mensch in Bälde ausgezittert.

Diese Pathetisierung der Naturbetrachtung im Fernsehen hat harmlose Gründe: Man wünscht zahlreiche betroffene Zuschauer, die vor lauter Angst um den Globus vergessen abzuschalten, und so übertreibt man im Interesse der Quote. Je nach Temperament und Geschmack liefern Filmemacher aber immer noch nüchtern-klare Produkte ab, die auf alles Buhei verzichten und die Sensation aus dem Gegenstand entwickeln, anstatt sie auf der Tonspur herbeizubarmen.

Ein derart sachdienlicher Film gelang Gail Willumsen mit dem "Auge des Zyklons". Bei diesem Stoff hat's Übertreibung eh schwer, denn über Wirbelstürme läßt sich kaum etwas sagen, was die Realität nicht überbietet. Eine halbe Million Menschenleben forderten sie in diesem Jahrhundert. Ihrer Kraft widersteht kein Bau von Menschenhand, ihre Unberechenbarkeit blamiert vorderhand jede Prognostik.

Das ertragen die "Sturmjäger" aus den USA und Japan nicht. Sie kämpfen mit transportablen Observatorien gegen die Neigung der Zyklone, aus dem Nichts hervorzubrechen, nennen ihre Gegner zärtlich beim Vornamen und gestehen am Ende ihre Unterlegenheit ein. "Hugo war der beste. Er wurde immer stärker." Andrew war der schnellste. Er schaffte 320 Kilometer pro Stunde.

Unterstützt von Computersimulation und Himmelsbeobachtung im Zeitraffer liefert Fernsehen faszinierende Katastrophenkunde, vermischt mit genug Dialektik der Aufklärung, um im Zuschauer neben dem Staunen über die Reichweite menschlicher Eingriffe das größere Staunen über die Ungebärdigkeit der Natur zu wecken, über die enorme Ausdehnung noch nicht vermessener Räume - wie sie zum Beispiel in der Luftschicht zwischen Erdkruste und Weltraum auf Erkundung warten.