Das teuerste Buch der Saison. Und auf geht's. Vorbericht im Spiegel, Vorbericht in der Süddeutschen Zeitung, Vorbericht in der Neuen Zürcher Zeitung, vorgezogener Erscheinungstermin ... Literaturkritik, auf der Suche nach Spektakel, wird zum Diener der Herren aus der Literaturagentenindustrie.

Noch war keine Zeile des Romans der 37jährigen Debütantin Arundhati Roy aus Südindien in Deutschland erschienen, schon schalmeite aus allen Blättern der avancierte Klappentextfrohsinn des expandierenden PR-Journalismus, wisperten die Vorkoster etwas von Sprachmagie, von traumwandlerischer Sprachführung und minutiösen Beschreibungen.

Noch haben wir keine Zeile aus dem "Gott der kleinen Dinge gelesen", und schon wissen wir: Arundhati Roy hat zwei Kinder, zwei Hunde und eine Köchin.

Sie empfängt Besucher im Schneidersitz auf dem Fußboden und hat ihr Buch vormittags von neun bis eins in ihrem Arbeitszimmer auf englisch geschrieben.

Sie ist syrische Christin, sieht aus wie ein "zerbrechlicher Vogel" und ist für das Leben in Kerala zu "dünn, zu dunkelhäutig und zu schlau". Sie hat Architektur studiert, arbeitet als Aerobiclehrerin in Delhi und hat schon einige Filmdrehbücher verfaßt.

Der erste Lektor hatte das Buch noch nicht zu Ende gelesen, da sprang er schon aus einem fahrenden Zug, um der Autorin von der nächsten Telephonzelle aus zu ihrem Meisterwerk zu gratulieren. Auch der erste Literaturagent, der den Roman las, hatte das Buch noch nicht zu Ende gelesen, da bestieg er schon ein Flugzeug, um der überraschten Autorin seine Dienste anzubieten. "It was just magic", soll die Autorin gesagt haben. Damit war das Rennen um die Rechte in achtzehn Ländern, das am Ende über eine Million Dollar eingebracht hat, eröffnet. Eine literarische Auktionssensation.

Über den Erfolg dieser Schreib-Ware entscheidet nicht der Verbraucher, sondern der Auktionär. Was so teuer ist, nennt die gute Kaufmannsseele eine literarische Sensation. Und irgendwie hat sie damit auch recht. Jede Zeit bekommt die Sensation, die sie verdient. Und damit kommen wir zur Nebensache, dem Buch, das Mitte August wirklich erschienen ist und das wir, Ehrenwort, vor Abfertigung dieser Besprechung zu Ende gelesen haben.