Der Haß des Dusan TadicSeite 2/4

Nun begannen Plünderung, Mord, Vergewaltigung. Die Einwohner von Kozarac kannten ihre Mörder nicht, weil diese aus anderen Gebieten Bosniens stammten.

Sie kannten nur einen von ihnen: Dusan Tadic. Er war blutrünstiger als alle anderen. Vor ihm konnten die Opfer nichts und niemanden verstecken. Er wußte alles über sie.

Nach dem Exzeß wurden die Überlebenden aus Kozarac in die Konzentrationslager Keraterm, Manjaca und Omarska verschleppt. Die Bedingungen in diesen Lagern unterschieden sich kaum von denen der Nazis. Nur die Tötungstechnik war primitiver. Die Menschen wurden mit Messern, Knüppeln oder Gewehren liquidiert. Unter den aktivsten Mördern war Dusan Tadic. Sein größter Genuß bestand darin, an den Gefangenen seine Karategriffe auszuprobieren. Aber er mordete nicht blind, nicht ohne Sinn und System. Oft spazierte er durch das Lager und suchte nach ehemaligen Nachbarn aus seinem Heimatdorf Kozarac. Zu ihnen war er am grausamsten.

Nachdem die Konzentrationslager auf eine Intervention der UNO hin endlich aufgelöst worden waren, verlor Dusko Tadic das Interesse am Krieg. Eine Zeitlang lebte er im gespenstisch öden und zerstörten Kozarac. Danach ging er nach Österreich und Deutschland, vermutlich, um das Geld für ein neues Haus und einen Mercedes zu verdienen.

Die Umstände seiner Verhaftung scheinen auf einen unvorsichtigen Menschen zu deuten. Doch Dusko Tadic war nicht unvorsichtig. Er paßte sich bloß den gesellschaftlichen Regeln an. In den Zeiten des Friedens lebte er in Harmonie mit seinen muslimischen Nachbarn. Als der Krieg kam und Radovan Karadzic , Slobodan Milosevic und die JVA neue gesellschaftliche Regeln setzten, tötete er seine Nachbarn. Als er das nicht mehr tun konnte, ging er nach Deutschland. Hätten ihn die überlebenden Opfer nicht wiedererkannt und wäre er in Freiheit geblieben, dann hätte Dusko Tadic die Regeln der deutschen Gesellschaft vermutlich nie verletzt.

Dusko Tadic ist der Archetyp des bosnischen Verbrechers. Seine Geschichte ähnelt der von Velibor Ostojic, dem fanatischen Gefolgsmann Karadzic', der vor dem Krieg eine Muslimin geheiratet hatte, um 1993 öffentlich zu verkünden, daß "es keinen Moslem gibt, der nicht eine Kugel verdient hätte".

Was diese Menschen antrieb war aber nicht, wie allgemein angenommen wird, der Haß. Vielmehr haben sie mit ihren Taten dem Haß mit der gleichen Überzeugung gedient, wie sie zuvor dem kommunistischen Grundsatz des Internationalismus und der Völkerverständigung gedient hatten. Die Verbrechen dieser Mörder sind die Folge einer bedingungslosen, autistischen Loyalität. Dusko Tadic hat seine Nachbarn ums Leben gebracht, weil ihm das Regime befohlen hatte, die eigene Kindheit zu töten. Nach vollbrachter Tat hatte er keinen Grund mehr, sich länger am Krieg zu beteiligen.

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