Kozarac war das größte Dorf in Bosnien und Herzegowina. Fast alle achttausend Einwohner waren Muslime. Sie arbeiteten als Landwirte, in den Fabriken im nahen Prijedor, oder hatten in Deutschland gearbeitet, um Geld für den Bau eines Hauses und den Kauf eines gebrauchten Mercedes zu verdienen. In Kozarac lebten auch Serben, ungefähr einhundert an der Zahl.

Sie lebten genauso wie ihre muslimischen Nachbarn, gingen den gleichen Beschäftigungen nach und feierten die gleichen Feiertage. Weihnachten und Ostern waren die einzigen Tage, an denen sie nach einem anderen Rhythmus als ihre Nachbarn lebten.

Einem dieser Serben gehörte seit den sechziger Jahren ein Kaffeehaus im Zentrum von Kozarac. Das Geschäft lief gut, denn dieses Kaffeehaus war lange Zeit außer der Moschee der einzige öffentliche Ort des Dorfes. Sein Sohn verlebte darin Kindheit und erste Jugend, bevor er in Prijedor auf die Mittelschule kam. Alle seine Freunde waren Muslime. Mit den Muslimen ging er zur Schule, mit ihnen lernte er, beteiligte sich an den ersten Raufereien.

Seine erste Liebe war, natürlich, eine Muslimin.

Dies war in den siebziger Jahren, als Titos "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" noch in voller Blüte stand. Niemanden in Kozarac störte es, daß ein Junge mit orthodoxem Namen bei einem muslimischen Mädchen Händchen hielt und erste Küsse tauschte. In Prijedor begann der Junge schließlich Karate zu üben, errang bei lokalen und regionalen Wettkämpfen einige Erfolge. Die Einwohner von Kozarac waren stolz auf ihren Mitbürger. Seinen Namen kannten alle. Es war Dusan Tadic.

Im vergangenen Juli wurde Dusan Tadic vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu zwanzig Jahren Haft verurteilt - wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Bei der Urteilsverkündung wirkte er vollkommen ruhig.

Erinnern wir uns. Der Krieg in Kozarac begann gegen Ende Mai 1992 und dauerte nur wenige Tage. Zuerst begannen eines Morgens, unangekündigt und ohne jede Erklärung, die Geschütze der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) Salven auf das Dorf abzufeuern. Die Einwohner von Kozarac saßen in improvisierten Schutzräumen und warteten auf das Ende des Angriffs. Das Granatfeuer dauerte, ohne Unterbrechung, vierundzwanzig Stunden. Am nächsten Tag rückten aus der JVA-Kaserne in Prijedor Panzer aus, fuhren in Kozarac ein und besetzten den Ort. Nennenswerten Widerstand gab es nicht. Nach der JVA besetzten Angehörige serbischer Territorialeinheiten das Dorf. Sie waren gut bewaffnet und durchaus kriegslüstern. An ihren Uniformen trugen sie Abzeichen der serbischen Nationalfaschisten aus dem Zweiten Weltkrieg. Sobald alle strategischen Positionen eingenommen worden waren, zog sich die JVA zurück und überließ die Muslime den Tschetniks.