Heilen mit Hasch: Cannabis könnte bei Aids, Krebs und Schmerz helfen

von Peter Spork

Seit Jahren beklagen Experten, daß in Deutschland zuwenig Patienten mit starken Schmerzen Morphin erhalten. Das Opiat ist nicht nur nahezu nebenwirkungsfreies Medikament, sondern auch Droge, deshalb müssen Ärzte seine Verschreibung beantragen. Aus Bequemlichkeit und Unwissenheit fassen viele Mediziner und Patienten das vermeintliche Teufelszeug gar nicht erst an. Dies, obwohl das Suchtrisiko bei Schmerztherapie unter einem Prozent liegt und sogar die Fahrtüchtigkeit - hierzulande ein Stück Lebensqualität bei Morphinempfängern nach kurzer Zeit regelmäßiger Einnahme voll gewährleistet ist.

Jetzt müssen sich konservative Drogenbeauftragte auch noch mit der potentiellen Heilwirkung von Marihuana auseinandersetzen. Ein Wissenschaftlergremium hat im Auftrag der amerikanischen Gesundheitsinstitute NIH das medizinische Potential der vermeintlichen Einstiegsdroge untersucht. Fazit des Anfang August veröffentlichten Berichts: Hasch ist kein Wundermittel, aber es lohnt sich, seine Wirkung weiter zu erforschen (im Internet nachzulesen unter: http://www.nih.gov/news/medmarijuana/MedicalMarijuana.htm).

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In Pillenform hilft der berauschende Inhaltsstoff von Marihuana, delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), bereits seit gut zehn Jahren vielen Krebspatienten. Er verringert die Übelkeit, die sie während und nach einer Chemotherapie überfällt. Allerdings wird THC immer seltener eingesetzt, weil es inzwischen effektivere Mittel gibt. So ergab 1994 eine Umfrage bei amerikanischen Onkologen, daß sie die Marihuanapillen nur in Ausnahmefällen verordnen, dann aber immerhin mit einer Erfolgsquote von fünfzig Prozent.

Das zweite Einsatzgebiet für Cannabis folgt aus seiner appetitsteigernden Wirkung: Vor allem Aids-Patienten, aber auch Krebskranke magern oft dramatisch ab, weil sie keinen Bissen herunterkriegen. Hier hilft Cannabisextrakt in Pillenform oder - wenn der Patient schwer schlucken kann der Joint. Ähnlich gut wirkt zwar das menschliche Wachstumshormon Somatotropin, doch es hat Nachteile, wie Robert Gorter, Professor am Berliner Krankenhaus Moabit, weiß: "Es kann nicht geschluckt, sondern muß zweimal täglich gespritzt werden und ist sehr teuer." Eine Zwölfwochendosis Wachstumshormon koste etwa 35 000 Mark gegenüber rund 300 Mark beim Cannabispräparat.

Selbst die jüngsten Erfolge der Kombinationstherapie bei Aids machen Marihuana nicht überflüssig: "Schon bald werden viele Menschen resistent gegen die neuen Mittel sein, und dann kommen auch die Komplikationen wie Appetitlosigkeit zurück", prophezeit Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut. Manche Aids-Patienten magern gerade in der Kombinationstherapie ab.

Die bekannteste Indikation der Droge ist jedoch eine ganz andere: Seit sechs Jahren dürfen amerikanische Ärzte damit den erhöhten Augeninnendruck von Patienten mit grünem Star behandeln, wenn andere Mittel versagen. Marihuana schützt sie davor, daß ihr Sehnerv durch den Druck allmählich zerquetscht wird und sie erblinden.

Kaum untersucht hingegen ist das schmerzstillende Potential der Droge. Hinweise, daß es Patienten mit multipler Sklerose helfen könnte, haben eher anekdotischen Charakter. Ein abendlicher Joint scheint bei ihnen brennende nächtliche Gliederschmerzen zu verringern, gegen die herkömmliche Schmerzmittel wenig ausrichten.

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