Heilen mit Hasch: Cannabis könnte bei Aids, Krebs und Schmerz helfen

Seit Jahren beklagen Experten, daß in Deutschland zuwenig Patienten mit starken Schmerzen Morphin erhalten. Das Opiat ist nicht nur nahezu nebenwirkungsfreies Medikament, sondern auch Droge, deshalb müssen Ärzte seine Verschreibung beantragen. Aus Bequemlichkeit und Unwissenheit fassen viele Mediziner und Patienten das vermeintliche Teufelszeug gar nicht erst an. Dies, obwohl das Suchtrisiko bei Schmerztherapie unter einem Prozent liegt und sogar die Fahrtüchtigkeit - hierzulande ein Stück Lebensqualität bei Morphinempfängern nach kurzer Zeit regelmäßiger Einnahme voll gewährleistet ist.

Jetzt müssen sich konservative Drogenbeauftragte auch noch mit der potentiellen Heilwirkung von Marihuana auseinandersetzen. Ein Wissenschaftlergremium hat im Auftrag der amerikanischen Gesundheitsinstitute NIH das medizinische Potential der vermeintlichen Einstiegsdroge untersucht. Fazit des Anfang August veröffentlichten Berichts: Hasch ist kein Wundermittel, aber es lohnt sich, seine Wirkung weiter zu erforschen (im Internet nachzulesen unter: http://www.nih.gov/news/medmarijuana/MedicalMarijuana.htm).

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In Pillenform hilft der berauschende Inhaltsstoff von Marihuana, delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), bereits seit gut zehn Jahren vielen Krebspatienten. Er verringert die Übelkeit, die sie während und nach einer Chemotherapie überfällt. Allerdings wird THC immer seltener eingesetzt, weil es inzwischen effektivere Mittel gibt. So ergab 1994 eine Umfrage bei amerikanischen Onkologen, daß sie die Marihuanapillen nur in Ausnahmefällen verordnen, dann aber immerhin mit einer Erfolgsquote von fünfzig Prozent.

Das zweite Einsatzgebiet für Cannabis folgt aus seiner appetitsteigernden Wirkung: Vor allem Aids-Patienten, aber auch Krebskranke magern oft dramatisch ab, weil sie keinen Bissen herunterkriegen. Hier hilft Cannabisextrakt in Pillenform oder - wenn der Patient schwer schlucken kann der Joint. Ähnlich gut wirkt zwar das menschliche Wachstumshormon Somatotropin, doch es hat Nachteile, wie Robert Gorter, Professor am Berliner Krankenhaus Moabit, weiß: "Es kann nicht geschluckt, sondern muß zweimal täglich gespritzt werden und ist sehr teuer." Eine Zwölfwochendosis Wachstumshormon koste etwa 35 000 Mark gegenüber rund 300 Mark beim Cannabispräparat.

Selbst die jüngsten Erfolge der Kombinationstherapie bei Aids machen Marihuana nicht überflüssig: "Schon bald werden viele Menschen resistent gegen die neuen Mittel sein, und dann kommen auch die Komplikationen wie Appetitlosigkeit zurück", prophezeit Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut. Manche Aids-Patienten magern gerade in der Kombinationstherapie ab.

Die bekannteste Indikation der Droge ist jedoch eine ganz andere: Seit sechs Jahren dürfen amerikanische Ärzte damit den erhöhten Augeninnendruck von Patienten mit grünem Star behandeln, wenn andere Mittel versagen. Marihuana schützt sie davor, daß ihr Sehnerv durch den Druck allmählich zerquetscht wird und sie erblinden.

Kaum untersucht hingegen ist das schmerzstillende Potential der Droge. Hinweise, daß es Patienten mit multipler Sklerose helfen könnte, haben eher anekdotischen Charakter. Ein abendlicher Joint scheint bei ihnen brennende nächtliche Gliederschmerzen zu verringern, gegen die herkömmliche Schmerzmittel wenig ausrichten.

Allerdings unterstützt Cannabis seinen vernachlässigten Vetter, das Morphin: Bereits kleine THC-Mengen steigern die Wirkung von Morphin und können deshalb in der Schmerztherapie die eingesetzte Opiatdosis senken. "Vielleicht gibt es schon in drei Jahren ein Kombinationspräparat aus Morphin und Cannabisextrakt", hofft Robert Gorter. Bevor er sich an dessen Entwicklung macht, startet der Professor aus Moabit im Oktober eine internationale Studie, die den Einsatz von Cannabis bei je 360 Krebs- und Aids-Patienten zwölf Wochen lang untersucht. Für das nächste Jahr ist ähnliches bei Multiple-Sklerose-Patienten und Menschen mit sogenannten neurodegenerativen Leiden geplant.

Bleibt zu hoffen, daß kein wahlkämpfender Politiker aus Angst vor negativen Schlagzeilen den Geldhahn für die Cannabisforschung zudreht. Denn in allen potentiellen Einsatzgebieten herrscht laut NIH-Studie Klärungsbedarf. Unklar ist etwa, ob Marihuana besser hilft, wenn es geraucht wird. Dann gelangt das THC schneller ins Blut und leichter ins Gehirn, weshalb ein Joint auch eine stärkere Rauschwirkung als die Pille entfaltet.

Die Haschischzigarette enthält neben THC noch andere pharmakologisch interessante Inhaltsstoffe. Sie birgt allerdings auch die bekannten Risiken des Rauchens und der Sucht. Die Experten fordern deshalb die Entwicklung eines "rauchfreien Inhalationssystems, das möglichst reine Formen der aktiven Inhaltsstoffe von Marihuana liefert".

Wenn das mal bloß nicht in falsche Hände gerät.

 
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