Nächstenliebe ist schlecht
Die Schriftstellerin Ayn Rand und die Philosophie des "Objektivismus"
Woran erkennt man den Charakter eines Menschen? An seiner Liebe zum Geld, sagt Francisco d'Aconia. "Wenn einer das Geld verdammt, dann hat er es auf unehrenhafte Weise erworben wenn er es ehrt, dann hat er es verdient ... Wer das Geld liebt, der weiß und anerkennt, daß es die Schöpfung der besten Kräfte in einem selbst ist, der Schlüssel, um deren Früchte mit dem Besten anderer Menschen zu tauschen."
Francisco, eine Schlüsselfigur aus dem Roman "Atlas shrugged", spricht für seine Schöpferin, die radikalkapitalistische Schriftstellerin Ayn Rand. Die atemberaubende Geschichte vom Kampf einer Gruppe von Unternehmern und Individualisten gegen das korrupte Amerika gilt in den Vereinigten Staaten noch immer als Kultbuch, in Europa blieb die Autorin dagegen fast unbekannt.
"Atlas Shrugged" wurde zwar ins Deutsche übersetzt, war jedoch jahrelang vergriffen. Erst jetzt erscheint eine überarbeitete Neuauflage (Ayn Rand: Wer ist John Galt?, Gewis Hamburg, circa 1270 Seiten, 48 Mark).
Ayn Rand wurde am 2. Februar 1905 unter dem Namen Alice Rosenbaum in St.
Petersburg geboren. Sie studierte dort Geschichte, emigrierte 1926 nach Amerika und schlug sich in Hollywood als Drehbuchautorin durch, bis ihr 1943 mit dem Roman "The Fountainhead" ("Der ewige Quell") der Durchbruch gelang.
Das Buch über den Lebenskampf eines modernistischen Architekten wurde 1948 mit Gary Cooper in der Hauptrolle verfilmt. Ihre philosophischen Überzeugungen, im "Fountainhead" bereits angelegt, baute sie danach weiter aus und überhöhte sie 1957 in "Atlas Shrugged". Sie starb am 12. April 1982.
Ayn Rand glaubte, die einzig adäquate Philosophie für den Kapitalismus gefunden zu haben, und gab ihr den Namen "Objektivismus". Die klassischen Ökonomen hatten gelehrt, daß Altruismus überflüssig ist, weil der Markt das eigennützige Handeln der Menschen zum Wohle aller lenkt. Ayn Rand machte daraus einen "objektiven ethischen Kodex", wie einer ihrer Anhänger schrieb: Egoismus ist gut, Altruismus ist böse. Und der Laissez-faire-Kapitalismus die einzige Ordnung, die mit der Freiheit des Individuums vereinbar ist. Sie vertrat eine streng materialistische Erkenntnistheorie ("facts are facts") und einen militanten Atheismus.
Die Schriftstellerin vergötterte geniale Künstler, Unternehmer und Banker.
Nachhaltig beeinflußt wurde sie von dem Ökonomen Ludwig von Mises. Die Vorstellung, alle Menschen seien gleich, ließ sie erschauern. Das Genie muß, abgesehen von physischer Gewalt, fast alles tun dürfen. "Wenn die Existenzbedingungen für das Genie zerstörerisch sind, so sind sie es für jeden Menschen, jeweils im Verhältnis zu seiner Intelligenz." So ein Genie ist Howard Roark, der Held in "Fountainhead": hochgewachsen, muskulös, mit roten Haaren. Über seine Familie weiß man fast nichts, andere Menschen interessieren ihn kaum er liebt nicht, haßt nicht, staunt nicht und verfügt über keinerlei Humor. In einer Schlüsselszene vergewaltigt Roark eine Journalistin. Er tat es, schreibt Rand, "als einen Akt der Verachtung. Es war nicht Liebe, sondern Besudelung. Und das ließ sie still liegen und sich unterwerfen. Nur eine Geste der Zärtlichkeit von seiner Seite - und sie wäre kaltgeblieben ..."
Ayn Rands positive Helden scheinen oft Freikorps- oder sowjetischen Aufbauromanen entsprungen. Die Bösen dagegen geben vor, Altruisten zu sein sie sind hinterhältig oder einfältig, häufig schwach, klein, blutleer.
Schlimm für Ayn Rand war es nicht, anderen zu helfen, sondern verpflichtet zu sein, dies zu tun. Die Frage sei nicht, ob man einem Bettler einen Groschen gibt, sondern ob man "das Recht hat, zu existieren, ohne dem Bettler einen Groschen zu geben".
Ayn Rand galt ihren Zeitgenossen als charismatisch, aber auch als kalt und rücksichtslos. Sie war mit dem, später alkoholkranken, Schauspieler Frank O'Connor verheiratet, hatte aber keine Kinder. Über achtzehn Jahre pflegte sie ein leidenschaftliches Verhältnis mit ihrem 25 Jahre jüngeren Schüler und Mitarbeiter Nathaniel Branden. Als sie sich mit Branden 1968 überwarf, versuchte sie ihn zur Persona non grata in ihrer Gemeinde zu erklären.
In der Politik setzte sie 1968 auf den ultrakonservativen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, später hielt sie Distanz zu Ronald Reagan, obwohl der ihr, wenigstens in Fragen der Ökonomie, sehr nahestand. Als Helmut Schmidt in einem Interview Marc Aurel als seinen Lieblingsphilosophen genannt hatte ("weil er uns lehrte, vor allem unsere Pflicht zu tun"), sagte sie, dieser Satz beweise, daß Deutschland nichts aus seiner Geschichte gelernt habe.
Ayn Rand hinterließ in Amerika eine schillernde Schar von Bewunderern. Es gibt objektivistische Gruppen, Seminare und Institute. Mit ihrem Radikalkapitalismus entsprechen die Objektivisten einerseits dem Zeitgeist, mit anderem stehen sie jedoch in schroffem Gegensatz dazu. Die Konservativen stoßen sich am Atheismus, die Libertarians am Dogmatismus der Randianer.
Manches am Objektivismus erinnert an Sekten oder kommunistische Splittergruppen: Ayn Rand wird auf bisweilen bizarre Weise idealisiert, es gibt Flügelkämpfe und Abweichler. Die Orthodoxen sammeln sich um das Ayn Rand Institute im kalifornischen Marina del Rey, dessen Leiter Leonard Peikoff von Ayn Rand zu ihrem "intellektuellen Erben" eingesetzt wurde. Der Abweichler David Kelley gründete das Institute for Objectivist Studies in Washington.
Nathaniel Branden, Ayn Rands Exgeliebter, praktiziert in Kalifornien als Psychologe und kritisiert die Objektivisten ob ihrer Gefühlskälte und ihres repressiven Gruppenverhaltens.
Aber Ayn Rands Gedanken über den Kapitalismus wirken heute auch außerhalb des harten Kerns der Objektivisten nach. Einer ihrer frühen Bewunderer war Alan Greenspan. Als junger Mann las er die Korrekturfahnen von "Atlas Shrugged", heute ist er Notenbankchef der Vereinigten Staaten.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 37/1997
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