Mrs. Dalloway: der Name ist Programm. Denn als Mrs. Dalloway das Haus verläßt, in weltumarmender Stimmung, gekleidet wie ein exquisites Kunstwerk aus den Kolonien, leichtfüßig wie ein fremder Vogel, von Hutfeder bis Absatz eine Dame, spricht sie sich selbst schon so an: "Mrs. Dalloway. No more Clarissa ..." Ist die Wehmut so groß, daß sie die Einsicht überspielen kann? Wir wissen es nicht, denn gerade in dieser Szene sehen wir das Gesicht Vanessa Redgraves nicht, die Kamera folgt ihrem wehenden Mantel. Wir lernen aber im Laufe des Film, den Verlust ihres Vornamens als den Tribut zu begreifen, den eine Mrs. Dalloway sich schuldig ist: Clarissa hat geheiratet. Sie hat den Park ihrer Kindheit, die Träume ihrer Jungmädchenzeit, die Fülle ihrer Möglichkeiten eingetauscht gegen ein Schicksal, und das trägt diesen Namen. Das ist nun lange her - so lange, daß auch versunken ist, was der Gebrauch des Vornamens bei Frauen wie bei Damen mitschwingen läßt. Mrs. Dalloway schläft allein: Im Laufe dieses langen Tages, den der Film von Marleen Gorris erzählt, streicht sie das Laken ihres schmalen Bettes glatt und denkt an ihre Abendlektüre.

"Mrs. Dalloway sagte, sie würde die Blumen selber kaufen." So unmittelbar beginnt der Roman, mit dem Virginia Woolf im Jahr 1925 ihren Ruhm als Avantgardegröße befestigte: ein Tag im Leben einer Dame der Gesellschaft. Mrs. Dalloway kauft ihre Blumen selber, bekommt am Vormittag Besuch von ihrer alten Liebe Peter, empfängt am Abend Gäste. Ein junger Mann, mit dem sie gesprochen hat, ein Kriegsheimkehrer, stürzt sich nachmittags aus dem Fenster, und sie erfährt von diesem Selbstmord abends auf ihrer Party. Es ist ein maßvoll besonderer Tag, ein Umstand, der das Absonderliche von Virginia Woolfs Technik besonders deutlich macht. Die Wahrnehmung nämlich gewichtet nicht. Auch schläft das Denken nie, so daß, was immer Mrs. Dalloway durch den Kopf geht, sich aneinanderreiht wie auf einer Schnur, an der Perlen und rostige Sicherheitsnadeln, Hemdknöpfe und Brillanten gleichzeitig hängen. (Und all diese Details bilden die Kette ihrer Existenz.)

Marleen Gorris hat versucht, den sogenannten Bewußtseinsstrom ins Filmische zu retten und sich dabei erwartbarer Mittel bedient: die Übergänge fließend, die Szenenwechsel durch den Blick der Kamera geführt sowie durch das erzählende und das innere Auge. Die Kamera übernimmt diskret die Aufgabe der Woolfschen Diktion: eine Erzählung ohne Erzähler zu schaffen. Von einem Rettungswagen aus, der in seiner sinnlos alarmierten Raserei an einem Hotel in der Innenstadt Londons um die Ecke biegt, schwenkt die Kamera einfach in Fahrtrichtung und bleibt stehen - und schon verlassen wir den Leichnam des jungen Septimus und binden uns mit dem putzmunteren Peter Walsh in seiner Suite die Fliege um den weißen Hemdkragen.

Denn Peter Walsh ist auf dem Weg zu einer Party - der Party, die wie ein güldener Saum das Ende dieses Tages bilden soll: eine von diesen Mrs.-Dalloway-Partys, die in der Londoner Gesellschaft einen hohen Rang einnehmen. Peter (den niemand Mr. Walsh nennt, als sei er nicht seriös genug für einen Nachnamen) kam am Tag zuvor aus Indien, und für ihn, den späten Heimkehrer nach dem schwierigen und wechselvollen Leben in den Kolonien, könnte das Fest Mrs. Dalloways den Wiedereinstieg in die guten Kreise möglich machen. Und doch scheint für ihn wichtiger, wie er Mrs. Dalloway am späten Vormittag antraf, zu Hause (nach ihrem Blumenkauf): für ihn Clarissa, seine Jugendliebe. Nun weißhaarig, noch immer schön, das Herz bebend vor Aufregung bei seinem Anblick, die Näharbeit auf ihrem Schoß schamhaft versteckend; Penelope, die ihren Helden wiedersieht, nach seiner langen, abenteuerlichen Fahrt über die Weltenmeere. Hätte sie damals ja gesagt und nicht den Langweiler geheiratet, der Dalloway heißt ...

Und Septimus, der junge Tote? Ihn hat Mrs. Dalloway nur einmal gesehen, am Morgen dieses sehr, sehr langen Tages, durch das Fenster der Blumenhandlung hindurch direkt in sein Gesicht gestarrt, das aufgerissen war vom Schrecken, nur weil ein Automotor ungewöhnlich knatterte. (Hier führte das Geräusch die Kamera.) Mrs. Dalloway konnte nicht ahnen, daß dieses trockene Geräusch für Septimus Warren Smith ein Kriegstrauma wachrief, aber sie war mitfühlend und wach genug, von dem Entsetzen in dem weichen, noch beinahe bubenhaften Gesicht ergriffen zu sein. Sie weiß nicht, daß es dieser verstörte junge Mann war, von dem am Abend auf ihrer Party die Rede ist, weil der ·-lamode-Psychiater Sir William Bradshaw in wichtigtuerischer Trauer von dessen Selbstmord berichtet, sie weiß nur, daß sie auf ihrer Party solche Themen nicht erörtert sehen möchte. Auf ihrer Party sollen die Menschen glücklich sein, gelöst, die Frauen sich begehrenswert fühlen, die Männer geistvoll, auf ihrer Party soll alles sein wie früher.

Aber das geht beim besten Willen nicht. (Und den haben wirklich alle!) Als morgens Mrs. Dalloway durch das Regierungsviertel Londons spaziert, sieht man in ihrem Rücken einen Einbeinigen die Straße kreuzen. Und als sie fünf Minuten später einen alten Bekannten trifft, ist mit ihm auch von "den schrecklichen Geschichten" die Rede, die man noch immer hört ... Die Jugendliebe Peter findet den Anschluß nicht mehr, eine früher sehr ehrbare Frau bettelt nun auf der Straße, der junge, begabte Septimus ist seinen Erinnerungen ausgeliefert und springt aus seinem Zimmer im zweiten Stock in ebenjene Eisenstäbe, die auch Mrs. Dalloways Vorgarten begrenzen: Nichts ist mehr wirklich, wie es sein sollte. Zwar sind auf ihrer Party nur erhoben gestimmte Menschen zu sehen, spielt die Musik der guten alten Tage, glänzen die Perlen wie ehedem. Doch fragt sich Clarissa Dalloway, während sie die Gäste einzeln begrüßt ("Wie reizend, daß Sie kommen konnten!" - "Wie schön, Sie bei uns zu sehen!"), in einem fort: "Warum tue ich das? Die Party wird ein Mißerfolg, ich spüre das, oh, warum tue ich mir das immer wieder an?"

Der Film legt in seinen opulenten, an der Oberfläche so beruhigenden Bildern eine Antwort nahe, um die das Buch sich mit seinen Sätzen wickelt wie ein Kokon um eine sehr häßliche Larve. Denn als Mrs. Dalloway noch Clarissa war, da war das ganze Leben nichts als eine wohlbehütete Party. Die fand bei ihr zu Hause statt, mit Großeltern und Tanten, mit Freunden des Hauses und großen Gesellschaften; es war eine Existenz, deren Luxus in der Selbstverständlichkeit lag, mit der Dienstboten und Kolonialwaren, Grundbesitz und Schnittblumen verbraucht wurden, Porzellan aus China und Baumwolle aus Manchester. Nun muß Mrs. Dalloway zu ihren Partys rufen; es ist eine große Anstrengung, für einen Abend wieder herzustellen, was früher Alltag war, ein Paradies, das nichts von sich wußte.