Ein Gang über die Ifa: Reichlich Ideen, kein Konzept
Wenn eine Industrie hauptsächlich die Zukunft beschwört, ist Vorsicht geboten. Denn sie hat wahrscheinlich Probleme mit der Gegenwart.
Bei der Internationalen Funkausstellung in Berlin dreht sich alles um die Zukunft - um den Weg dorthin, um die Interaktion mit ihr, um ihre Gestaltung. Und in der Tat haben die meisten Unternehmen aus der Unterhaltungselektronik riesige Probleme. Unter dem Gewicht der wachsenden Computerbranche schrumpfte ihr Markt in Deutschland allein seit 1994 um ein Fünftel. Die Entwickler bauen ständig neue Geräte, miniaturisieren sie und kombinieren sie zu Multifunktionsapparaten - und können den Absturz doch immer noch nicht bremsen. Alle wissen: Das neue Zeitalter ist digital. Doch niemand weiß genau, wie er dorthin gelangen soll. Auch nicht auf der Berliner Ausstellung. Zwar präsentieren 812 Firmen aus 33 Ländern auf 130 000 Quadratmetern jede Variation moderner Technik. Aber die Verwirrung nimmt beim Marsch durch die Installationen nur zu.
Und wenn ein Produkt zukunftssicher scheint, wartet der Zweifel garantiert schon um die Ecke in Form eines konkurrierenden Systems, das mit dem ersten leider nicht vereinbar ist. Oder es fehlt an Programmen und Übertragungen für das Gerät. Oder es handelt sich nur um einen teuren Prototypen. Oder die Konsumenten wollen es schlicht nicht haben.
Selbst beim digitalen Fernsehen, um das die TV-Konzerne seit nunmehr drei Jahren ringen, kann von Sicherheit nicht die Rede sein. Kirch und Bertelsmann gehen gemeinsam mit einer Weiterentwicklung jener d-box ins Rennen, auf der Kirch bislang sitzengeblieben ist. Daneben lockt eine unter anderem von der ARD geförderte Box, die nur frei zugängliche Programme und kein Zahlfernsehen empfängt. Dank seiner eingeschränkten Funktion dürfte dieser Kasten zwar billiger sein, aber er vermag derzeit nur bestimmte Übertragungen umzusetzen.
Alternativ könnte man mit dem Fernsehen durch das Internet surfen. Wer von der Wohnzimmercouch aus ins Netz will, muß aber ebenfalls aufpassen. Mit der deutschen Web Box geht das von November an, mit dem Web TV aus den Vereinigten Staaten, das zwar billiger ist, aber zum hiesigen Markt noch nicht so ganz passen will, bald danach. Die Hersteller machen das gleiche wie immer in solchen Situationen: Sie verhandeln über eine gemeinsame Plattform. Das kann dauern, zumal die Wärter an den Internet-Toren auch noch ein Wörtchen mitzureden haben.
Während das Gerangel um das Fernsehen der Zukunft schon in die Verlängerung geht, ist die Technik des Digital Radio kaum umstritten. Daher gibt die Funkausstellung auch den Startschuß für das DAB abgekürzte Übertragungssystem, das nebenbei Text- und Bildinformationen in die Wohnzimmer und Autos schaffen kann. Indes gibt die Messe immer mehr Startschüsse, und das neue Radio hat sie vor zwei Jahren schon bejubelt. Immer noch muß der kaufwillige Konsument seine Brieftasche aber steckenlassen. Serienreife Empfänger werden kommenden Frühling erwartet. Und auch dann wird das neue Radio keineswegs überall zu hören sein, weil vor allem im Norden der Republik Sendeanlagen fehlen.
Halb so schlimm. Als nächste killer application, wie die Branche neue Massenprodukte nennt, gilt ohnedies DVD. Die digitale Bildplatte kann Filme, Musikprogramme und Computerdaten speichern und wird als Nachfolger der Videokassette gehandelt. Eigentlich sollte die ausgereifte Technik ein Knüller im diesjährigen Weihnachtsgeschäft werden. Doch die Elektronikhersteller müssen nicht nur um einheitliche Standards kämpfen, sondern sich auch mit unwilligen Programmproduzenten herumschlagen.
- Datum 05.09.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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